Category Archives: Blog / Texte

Zu wenig Wut

Die Supergroup Prophets of Rage hat gerade mal vier eigene Songs auf Lager. Und die Intensität ihrer Wut lässt zu wünschen übrig.

topelement

Foto: Travis Shinn

Die Erwartung des Publikums am Festi’neuch («Berner Woche» vom 8. Juni) war gross, schliesslich versprach die Zusammensetzung der Crossover-Truppe Prophets of Rage doch so einiges. Eine Supergroup oder, etwas salopper formuliert, eine Alt-Herren-All-Star-Combo sondergleichen hat sich da nämlich zusammengetan – DJ Lord und Rapper Chuck D (beide von Public Enemy), Rapper B-Real (Cypress Hill), Gitarrengott Tom Morello, Bassist Tim Commerford und Schlagzeuger Brad Wilk (alle von Rage Against the Machine).

Um es gleich zu sagen: Derjenige, welcher von der Rage-Against-the-Machine-Stammformation fehlte, fehlte so richtig: Frontmann Zack de la Rocha. Das Konzept von Prophets of Rage besteht darin, alte Songs von Cypress Hill und Public Enemy vor allem aber von Rage Against the Machine zu spielen – eigene Songs haben die Propheten zurzeit gerade mal vier auf Lager. «Bombtrack», «Killing In the Name of», «Take the Power Back» und all die andern Agitationsnummern, die 1992 beim Erscheinen des Debüts von Rage Against the Machine für Furore in der Crossover-Welt sorgten, haben keinesfalls an Attraktivität oder auch Aktualität verloren.

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Hodenschweissalarm

Draussen warens 23, drinnen gefühlte 200 Grad. Sauna-Zeremonienmeister am Dienstagabend im ausverkauften ISC waren die Mannen von Kvelertak, derjenigen norwegischen Metal-Band, die ab September als Special Guest mit Metallica auf deren Worldwired-Tour unterwegs sein werden. Den sechs Norwegern dürfte ja wohl der Schuss abgegangen sein, als diese Metallica anriefen. Aber item.

Ein richtig gutes Konzertfoti von Tilman Jentzsch.

Jedenfalls platzte das ISC am Dienstagabend aus allen Nähten, es herrschte Hodenschweissalarm, die Jugend vergnügte sich mit Stagediving, derweilen vorne Kvelertak einen Bass, ein Schlagzeug und drei Gitarren malträtierten. Was dabei herauskam, war eine musikalische Wundertüte sondergleichen. Auf lange Instrumentalpassagen, die schon fast progressiv anmuteten, folgten solid stampfende, wenn auch wenig innovative Blues-Rock-Riffs, melodische Rock’n’Roll-Gitarrenthemen mit Ohrwurmpotential wurden von brettharten Black-Metal-Blastbeats abgelöst, derweilen sich Erlend Hjelvik die Seele aus dem Leib schrie. So ein bisschen wie Schwedenrock auf böse klang das zwischenzeitlich, wie wenn Hellacopters mit Iron Maiden ins Bett gegangen wären. Unterhaltsam war das alleweil, wenn sich auch das Mitsingen eher schwierig gestaltete, denn man(n) kreischt norwegisch.

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Peter Schneider auf der Couch

Beim «Bund im Gespräch» zieht Peter Schneider Parallelen zwischen Satire und Psychoanalyse, beantwortet Fragen zu Friedensmärschen und outet sich als Enid-Blyton-Fan.

peter_schneiderTrotz sommerlichem Bade- und Grillwetter war gestern Abend der Saal des Hotels Bellevue bis in die hinteren Reihen gefüllt, alle wollten sie dabei sein, wenn der Psychoanalytiker der Nation sich selber auf die Couch legt.

Hingelegt hat er sich dann doch nicht ganz, Peter Schneider, seines Zeichens landesweit bekannter Satiriker, Kolumnist und eben praktizierender Psychoanalytiker. Höchstens ein bisschen im Sessel fläzen tat er zwischenzeitlich beim «‹Bund› im Gespräch» mit Redaktor Alexander Sury und gewährte dabei doch auch Einblick ins schneidersche (Innen-)Leben.

Nein, als Workaholic würde er sich trotz 70-Stunden-Arbeitswochen nicht bezeichnen, erklärte der 60-Jährige, schliesslich schaue er, dass er pro Nacht acht Stunden Schlaf verbuchen könne. Sechs Espressi würden ihm dann morgens den nötigen Schub verleihen, um sich aus diversen Tageszeitungen sein satirisches Material zusammenzusuchen – seit rund 25 Jahren verfasst Schneider Kolumnen für SRF, die «SonntagsZeitung» und natürlich die jeweils mittwochs erscheinende «Bund»-Rubrik «Leser fragen». Daneben betreibt der studierte Philosoph und Psychologe in Zürich eine Praxis für Psychoanalyse und psychoanalytische Psychotherapie.

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Das muss mehr Schub!

Sie hatten am Mittwochabend einen schweren Stand, die vier Herren und die Dame von Esmerine bei bee-flat im Progr, denn draussen sass es sich an diesem warmen Frühlingsabend gut unter den lauschigen Bäumen. Und doch fand sich dann auch eine handliche Anzahl Eingefleischter in der Turnhalle ein, um dem dramatischen und schwermüten Kammer-Doom des Quintetts aus Montreal zu lauschen. Um es gleich vorneweg zu nehmen: Mit dem bandeigenen Mischer wird Frau Feuz nicht Freundin. Zumindest nicht in diesem Leben.

Jesus? Nein. Wenn auch musikalisch fast: Multiinstrumentalist Brian Sanderson mit Esmerine.

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Literatur goes Selbstfindung

rigiliedVo Lozärn gäge Wäggis zue ….. » Schriftsteller Christian de Simoni rekonstruiert und konstruiert die Geschichte des Rigiliedes.

1832 fand in Luzern das 6. Eidgenössische Schützenfest statt, mit dabei war ein gewisser Johann Lüthi. Im Anschluss an die Festivitäten unternahm Lüthi eine Schiffreise über den Vierwaldstättersee und bestieg die Rigi. Zurück am heimischen Webstuhl, verarbeitete der Gesangs- und Chorleiter das Erlebte in einem Lied und komponierte eine der heute bekanntesten Schweizer Volksweisen: «Vo Lozärn gäge Wäggis zue».

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Frau Patagônia, ins Büro!

Alle, die bei KulturStattBern mittun, stehen ja selber mit einem Bein im Kulturgrab mitten im kulturellen Geschehen. Allerdings gehen wir mit unseren Outputs, beziehungweise deren Streuung ganz unterschiedlich um. Rockboy Schwab und Chefin Feuz zum Beispiel lassen ja keine Chance aus, KSB schamlos als Distributionskanal für eigenen Unfug zu missbrauchen und lügen dabei gerne auch mal das Blaue vom Himmel herunter. Konfuzius Rihs würde wohl auch lügen wollen, scheitert dann aber an der konzeptuellen Dekonstruktion seiner selbst (auf der Metaebene, versteht sich) und schreibt drum über Schnaps im Denner. Dandy Fischer säuft nach Design- und Kunstvernissagen die stehengelassenen Gläser leer und gleist den Umsturz aller bestehenden Systeme auf, weiss dann aber am nächsten Tag leider nichst mehr davon, weswegen wir auch nie darüber lesen.

Die einzig Vernünftige in diesem Saufhaufen ist unsere Frau K. (eigentlich Krstic, aber das schreib ich nie mehr aus, weil Frau K. mir mit Enthauptung gedroht hat, falls ich ihren Namen noch einmal falsch zu Papier bringe.)  Besagte Frau K. ist die Bescheidenheit in Person, trinkt ausschliesslich Gurkenwasser und erwähnt denn auch nur ganz beiläufig im Kleingedruckten irgendeiner E-Mail, dass sie gerade ihr erstes Video herausgegeben habe. Frau K. ins Büro der Chefin, los hopp! Wir üben jetzt mal blöffen. Und Schnaps saufen.

Eine Schneekanone und viel Gewalt

Das Theater Marie fährt bei seiner Inszenierung von «Liliom» des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár in der grossen Halle der Reitschule viel Material auf, vernachlässigt dabei aber die Figurengestaltung.

topelement

Es ist ein Ungetüm von einem Stoff, den sich das Theater Marie für seine neuste Inszenierung ausgesucht hat, welche zurzeit in der Grossen Halle der Reitschule gezeigt wird. Wenig andere Sozialdramen wurden so oft und in so vielfältiger Form reproduziert wie «Liliom» des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár. 1909 in Budapest uraufgeführt, wurde der Stoff bereits drei Jahre später für deutsche und österreichische Bühnen übersetzt.

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Top Dogs im Zwinger

Das Theater Matte zeigt mit Jordi Galcerans «Die Grönholm-Methode» ein unterhaltsames Stück, in dem ein Bewerbungsgespräch zum Kampf in der Löwengrube verkommt.
Ein Sitzungszimmer mit kahlen Wänden, vier metallene Stühle, ein Tisch, auf dem vier Gläser und eine Karaffe mit Wasser stehen – das Setting des Stücks «Die Grönholm-Methode» auf der Bühne des Theaters Matte ist steril und nüchtern. Was sich allerdings in den rund 90 Minuten Spielzeit ereignet, ist alles andere als geordnet und klar. Nach und nach treffen drei Bewerber und eine Bewerberin in diesem Sitzungszimmer ein, alle sind sie gekommen, weil sie einen lukrativen Managerposten wollen. Das Bewerbungsverfahren wird allerdings auf sehr unkonventionelle Weise geführt, wie die vier bald einmal feststellen müssen. Ein eigentliches Bewerbungsgespräch findet nämlich nicht statt, die Rekrutierten bleiben auf sich alleine gestellt, von der Personalabteilung oder überhaupt der Firma lässt sich niemand blicken.

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Fehr im SURPRISE

surprise«Ich mache gerne die Wohnungstüre zu»

Der Berner Schriftsteller Michael Fehr musste erst scheitern, um auf Umwegen zur Literatur zu finden.

«Ich mag es, wenn alles klar, berechenbar und schön ordentlich aufgeräumt ist», sagt Michael Fehr. «Draussen ist das ja leider nie so, und deswegen mache ich sehr gerne die Wohnungstüre zu. Zumindest dann, wenn ich in der Wohnung drin bin», sagt er und lacht. In der Behausung des 35-jährigen Berner Schriftstellers ist alles an seinem Platz. Allerdings gibt es auch nicht viel, was in Unordnung geraten könnte. Fehr mag es spartanisch. Das lässt sich wohl damit begründen, dass er an juveniler Makuladegeneration, also an einer angeborenen Sehbehinderung leidet, und beinahe blind ist. Zwecks Orientierung ist Ordnung zentral. Die prunklose Kargheit der Wohnung widerspiegelt aber auch den Charakterzug eines Mannes, der sich selber lange mit grosser Strenge und Disziplin begegnet ist.

Das ganze Porträt über Michael Fehr findet sich in der aktuelle Ausgaben 396 von Surprise jetzt beim Strassenhändler deines Vertrauens.

Nicht nur Gekleckse

abendscheinEtwas salopp formuliert könnte man sagen: Hartmut Abenschein hat während zweier Jahre jeden Tag gekleckert. Auf einer selber konzipierten Druckmaschine fabrizierte der 47-jährige Schriftsteller nämlich täglich einen Klappdruck, indem er schwarze Tinte auf eine Endlosrolle Papier goss und den Abschnitt zusammenfaltete. So entstand eine Reihe mit Flecken, die Abenschein «my daily rorschach» taufte.

Während der Produktion sei ihm aufgefallen, dass die Struktur dieser Flecke derjenigen von geschriebener Sprache ähneln würde, sagt Abenschein. Diese strukturelle Analogie veranlasste ihn dazu, in einem zweiten Arbeitsschritt seine Klecksbilder mit Notizen, Phrasen, Beobachtungen und Reflexionen zu paaren, welche sich im Verlauf der Jahre in seiner Schublade angesammelt hatten. Diese Gegenüberstellung von Texten und Klecksen ist nun unter dem Titel «nicht begonnenes fortsetzen» erschienen, wobei das Büchlein so aufgebaut ist, dass sich auf der rechten Buchseite die Tiere, Geister und Flugzeuge, oder was auch immer man in den Faltbildern zu erkennen glaubt, abgedruckt sind, während auf der linken Seite mit Texteinheiten die gleiche Form imitiert wird.

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