Venedig geht vor die Hunde

veniceEinmal im Leben soll man sie gesehen haben, heisst es. La Serenissima – die Durchlauchtigste. Mythenumwoben ist sie, die insgesamt 118 Inseln fassende Hauptstadt der Region Venetien. Frau Feuz war jetzt also auch da, in diesem unsäglichen Venedig. «Unsäglich?!» ich höre ihn schon, den kollektive Aufschrei von Italien-, Kunst- und Architekturliebhabern. Ja, unsäglich. Unsäglichst! Nicht die Stadt selber, Gott bewahre. Das Stadtzentrum ist mit seinen engen, labyrinthischen, oftmals abrupt vor Wasser endenden Gassen, den schiefen Häusern, den reich verzierten Kirchen und Palästen, der von Romantik bis Barock reichenden Architektur und den Unmengen an Skulpturen ja durchaus bezaubernd. Aber die Touristenströme an rüden Asiaten, ungehobelten Amerikanern und Jetset-Bieannale-Kunstfuzzis sind es fürwahr nicht.

Warum Venedig vor die Hunde geht, Literatur-Tipps und mehr zur PROPORTIO-Ausstellung hier:

Venedig geht vor die Hunde und zwar so richtig. Von der rund 60’000 Kopf grossen Bevölkerung in der Innenstadt sind mehr Leute über 80 Jahre alt als unter 18 Jahre jung. Palazzi werden an reiche Ausländer verschachert und stehen den Grossteil des Jahres über leer, Pfusch am Bau führt dazu, dass Häuser nicht mehr bewohnbar sind und die Unmenge an Schiffen und absurd grossen Meereskreuzern erhöhen den Wellengang, was wiederum an der Bausubstanz nagt. Tagsüber Touristen- nachts Geisterstadt. So sieht’s aus. Die Venezianer beklagen sich vordergründig nicht, denn schliesslich sorgen Touristen für ihr Überleben. Und doch hat man vollstes Verständnis und Sympathie dafür, dass die Einheimischen den Touristen bei der Rialto-Brücke und am Markus-Platz unsägliche Souvernirs aufschwatzen, ihnen Essen zu komplett überteuerten Preisen verkaufen und den Teller Pasta mit Todesverachtung im Gesicht ob der Grob- und Selbstherrlichkeit mancher Gäste servieren. «Il cuore no è in vendita» sagt eines der wenigen Graffiti, bezeichnenderweise in der Nähe des Rialto-Marktes angebracht, wo beim Verkauf von Fischen und Gemüse das normale venezianische Leben zumindest noch ansatzweise funktioniert. Es ist ihnen zu wünschen, dass sie ihr Herz tatsächlich werden behalten können, die gebeutelten Venezianer.

Zum Glück gibt es aber auch zahlreiche Museen in diesem Venedig, in denen man sich verstecken kann, bis der Zug wieder nach Hause fährt. Eines davon ist der Palazzo Fortuny, wo zur Zeit «PROPORTIO» gezeigt wird, eine Ausstellung, die sich mit dem Konzept von Proportionen und dem Wissen um «sacred numbers and geometry» durch verschiedene Zivilisationen hindurch beschäftigt. In besagter Ausstellung ist auch dieses Meisterwerk von Pieter W. Van der Stock aus dem Jahr 1632 zu sehen. Auf dass die Touristen-Ströme in Vendedig die gleiche Konsistenz erlangen mögen, wie sie die eleganten Figuren in diesem Ölgemälde aufweisen. Oder sich ganz auflösen mögen.

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Wer findet, Frau Feuz übertreibe, dem sei die Dokumentation «Das Venedig-Prinzip» ans Herz gelegt. Und wer trotzdem ein bisschen Venedig erleben möchte, der lese Ian McEwans «Der Trost von Fremden», Patricia Highsmiths «Venedig kann sehr kalt sein», Joseph Brodskys «Ufer der Verlorenen» (ein wunderbarer Essay über die Stadt im Winter) oder natürlich den Klassiker «Tod in Venedig» von Thomas Mann.

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