Vier Fragen an Michael Oberer

Der Bwebbild_gold_tojoerner Regisseur Michael Oberer bringt in seiner Inszenierung «Gold» den gleichnamigen Text des westschweizer Autors Blaise Cendrars auf die Bühne, worin die Geschichte von Johan August Suter erzählt wird. Dieser war ein äusserst abenteuerlustiger Schweizer, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderte, dort erst zum Multimillionär, dann aber zum Opfer des Goldrausches wurde. Für die Umsetzung von «Gold» hat sich der 63-jährige Oberer die Musiker und Schauspieler Resli Burri, Andreas Debatin, Omar Fra, Julia Monte und Marcus Signer an Bord geholt. Gezeigt wird «Gold» am 1.-3.10. und 6.-10.10. im Tojo der Reitschule.

Hier geht’s zum Kurzinterview:

Der aus La-Chaux-de-Fonds stammende Autor Blaise Cendrars ist in der Deutschschweiz wenig bekannt. Warum inszenieren Sie gerade einen seiner Texte?

Purer Zufall. Mir wurde «Gold» von einem Kollegen empfohlen und mich haben Cendrars fulminante Sprache und der Stoff augenblicklich fasziniert. In der Romandie ist Cendrars bestens bekannt und mir war es ein Anliegen, diesen Autor aus der deutschschweizer Versenkung zu holen, weil die Qualität seines Erzählens einzigartig ist in der Schweizer Literatur.

Der Protagonist von «Gold», Johann August Suter, ist ein Abenteurer erster Güte. Aber sind solche Karl-May-Figuren für die heutigen Zeit nicht zu eindimensional?

Der historische Suter ist bis heute ein Faszinosum. 1834 wanderte er nach Kalifornien aus, gelangte dort zu ungeheurem Reichtum und rief das Reich Neu-Helvetien aus, welches etwa die Fläche Kaliforniens aufwies. Als auf seinem Grundstück ein Goldklumpen gefunden wurde, begann allerdings sein Ruin. Suter ist aufgrund seines unbändigen Lebenswillens eine faszinierende Persönlichkeit, hat aber auch äusserst unsympathische Züge, weil er für Geld über Leichen geht. Er ist eine zwiespältige Figur und damit ein sehr heutiger Charakter. Sein Aufstieg und Fall kann zudem durchaus als Parabel gelesen werden auf die Gier nach Leben, nach Macht und nach Reichtum, welche auch in unserer Zeit omnipräsent ist.

Sie inszenieren ihr Stück als «Rap-Jazz-Spokenword- Ambient-Theater». Was muss man sich darunter vorstellen?

«Gold» ist kein Theaterstück im eigentlichen Sinne. Wir transportieren und rhythmisieren den Text mit Hilfe von Musik, kurzen Dialogen, Ambient-Geräuschen und anderen Bestandteilen, wodurch wir hoffen, der Montage-Technik gerecht zu werden, welche Cendrars für seine Geschichte gewählt hat. Er verwendete ja ebenfalls eine Vielfalt an Elementen wie etwa Zeitungsausschnitte. Mit Resli Burri, Andreas Debatin und Omar Fra sind drei Musiker mit an Bord, welche das Spiel von Marcus Signer und Julia Monte untermalen und ergänzen. Sie schaffen ein Musik-Klang-Ambiente, welches mal rockt und mal minimale Geräuschkulisse bildet. Der Klangteppich wird dabei live vor Ort und sichtbar hergestellt, so sehen die Zuschauer zum Beispiel, wie für das Knistern eines Lagerfeuers das Geräusch eines Papiersacks geloopt wird.

Warum sehen die Musiker und Protagonisten in ihrem Stück aus wie Steampunks?

Steampunks orientieren sich ja an der Zeit, in welcher Cendrars gelebt hat, also eine Zeit, in welcher neue wissenschaftliche Errungenschaften aufkamen, die aber damals noch einen abenteuerlichen Hauch von Science-Fiction verströmten. Der heutige Steampunk-Trend kann vielleicht als Reaktion gelesen werden auf die digitale Überforderung, welche uns unser Computer-Zeitalter beschert. Um die Jahrhundertwende waren Technik und somit auch die Welt noch überschaubarer. Das passt insofern gut zu unserem Stück, als dass wir bei der Umsetzung viel Mechanisches und wenig Digitales verwenden. Zudem beschäftige sich auch Cendrars ausgiebig mit den neuen Errungenschaften, so zum Bespiel mit Elektrizität, wobei er schon fast prophetisch die Veränderung voraussagte, welche die Welt durch diese erfahren würde. Und nicht zuletzt bieten die Outfits von Steampunks definitiv auch was fürs Auge.

Der Bund, 1.10.15

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