«Tu uns den Gefallen und stirb!»

Bildschirmfoto 2016-02-04 um 16.08.27Wüste Schimpfwörter, ­Mobbing und Tote: Im Krimi «Der Chat» thematisieren Vater und Tochter Gregor und Mirjam Klaus Abgründe in sozialen Netzwerken.

Das Vorwort von «Der Chat» ist kein Vorwort, sondern eine Warnung. Und die ist in der Tat vonnöten, denn die Anhäufung an wüsten und schockierenden Schimpfwörtern, derben Beleidigungen, rassistischen Verunglimpfungen und Fäkalausdrücken im Roman sind happige Lesekost. Dabei hat das Vater-Tochter-Autoren-Gespann Gregor und Mirjam Klaus mit seinem Krimi «Der Chat» nicht etwa unnötige Provokation im Sinn, sondern bildet vielmehr ab, wie sich Millionen von Jugendlichen tagtäglich in sozialen Medien unterhalten.

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Als Erzählform haben die beiden den Gruppen-Chat einer Schulklasse gewählt, das heisst der Leserschaft werden jeweils Datum, Zeit und die Einträge der einzelnen Klassenmitglieder präsentiert. Dabei halten sich Vater und Tochter Klaus an den gängigen Chat-Duktus: Alles wird klein geschrieben, Sätze bleiben oft fragmentarisch, dafür wird mit zahlreichen Emoticons die eigene Befindlichkeit kommentiert. Beschimpfungen übelster Sorte gehören zur Tagesordnung, sind aber oft nicht wirklich ernst gemeint.

Dass man als Leser in «Der Chat» durch die gewählte Erzählform die Geschehnisse nicht direkt, sondern vielmehr aus zweiter Hand vermittelt bekommt – eben durch die Einträge der Schüler und Schülerinnen – tut der Geschichte selber keinen Abbruch. Im Gegenteil, denn die Art und Weise, wie die Geschehnisse von den Jugendlichen kommentiert werden, steuert eine weitere Dimension bei, welche illustriert, wie unterschiedlich sensibel Individuen mit Themen wie Schuld, Mobbing oder Tod umgehen.

Exemplarisches Mobbing

Gleich zu Beginn von «Der Chat» wird klar: Hier wird exemplarisch Mobbing betrieben. Immer wenn sich Luana im Chat meldet, erntet sie bitterböse und beleidigende Kommentare von ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. Egal was sie tut oder lässt, alles wird gegen sie verwendet, ihre Körperform wird hämisch und kränkend kommentiert und ihre Familie aufs Gröbste beleidigt. Anführerinnen dieser Anti-Luana-Front sind zwei Mädchen namens Vera und Melanie, die sich gegenseitig mit Gehässigkeiten überbieten.

Luana wiederum ist diesen verletzenden Angriffen hilflos ausgeliefert, denn egal ob sie verbal zurückschlägt oder an das Mitgefühl der Mobber appelliert, sie erntet doch nur Spott, Verhöhnung und Zynismus. Einzig die Mitschülerin Zoe zeigt sich sozial und spricht sich öffentlich für Luana aus, wird dafür aber selber mit Anfeindungen konfrontiert. Bei einem der verbalen Gefechte macht Luana düstere Andeutungen, dass Vera beim Joggen vielleicht etwas zustossen könnte. Als Vera dann tatsächlich nicht nach Hause kommt und später tot im Wald aufgefunden wird, ist für alle klar: Luana hat Vera auf dem Gewissen. «Du bist erledigt, dreckshure!!!! So was von erledigt!!!!», so einer der harmloseren Einträge im Chat. Luana bricht in der Folge unter dem psychischen Druck zusammen und nimmt sich das Leben. «Die feige sau wollte nicht in den knast», ist Melanies Kommentar auf Luanas Suizid, und Zamir ergänzt: «Ich finde die strafe gerecht.»

Die ganze Ambivalenz

In «Der Chat» wird ein erschreckend düsteres Bild einer gnaden- und empathielosen Jugend gezeichnet und Mechanismen von Gruppendynamik werden exemplarisch vorgeführt. Immerhin stellt sich bei ein paar Schülern und Schülerinnen dann doch eine kritische Selbstreflexion ein, als klar wird, dass Luana den Tod von Vera nicht verschuldet hat. Zoe etwa will sich selber anzeigen, und Melanie und Leo landen in der Psychiatrie, nachdem sie beide einen Nervenzusammenbruch erlitten haben.

Andererseits zeigt «Der Chat» aber auch, mit welchen Problemen heutige Teenager im Allgemeinen zu kämpfen haben. Viele sind zu Hause Streit und Zoff ausgeliefert oder sind Scheidungskinder. Dass man vom Psychiater «geile Medis» verschrieben bekommt, scheint gängiger Usus zu sein, und wie sich die Klassenkameraden bei Schwierigkeiten gegenseitig trösten, hat dann auch wieder etwas Rührendes. «Der Chat» führt aber nicht nur Teenager-Leben in ihrer ganzen Ambivalenz und die abgründige Asozialität in sozialen Netzwerken vor, sondern ist da­rüber hinaus auch ein clever konstruierter Krimi mit spannendem Showdown. Denn der Mörder von Vera ist nicht weit.

«Der Chat», Gregor und Mirjam Klaus, Cosmos Verlag, 215 Seiten, Fr. 29.–
(Der Bund, 3.2.16)

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