Die tamilische Diaspora in der Vorurteilskiste

Mit Humor gegen Klischees: die dokumentarische Performance «The Camouflage Project» im Schlachthaus Theater.

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Foto © Miriam Haltiner

Auf der ganzen Welt gibt es eine Million Tamilen, die nicht in Sri Lanka leben, in der Schweiz sind es etwa deren 50’000. Viele der ehemaligen Flüchtlinge aus den 80er-Jahren werden bald pensioniert, ihre Kinder kamen in jungen Jahren ins Land oder wurden hier geboren. So auch die beiden Theatermachenden Gayathri Sritharan und Patrick B. Yogarajan, welche in «The Camouflage Project» (Regie: Ute Sengebusch) Aspekte verhandeln, mit welchen Menschen mit Wurzeln in anderen Kulturen tagtäglich konfrontiert werden. Mit viel Humor thematisieren die 22-jährige Sritharan und der 35-jährige Yogarajan Klischees, welche gegenüber der tamilischen Diaspora bestehen, ergründen dabei die Natur von Vorurteilen und zeigen auf, dass jeder Mensch doch eigentlich in eine ganze Menge von verschiedenen Vorurteilskisten gepackt werden kann. Im Fall von Gaya und Patrick – die beiden Schauspieler spielen in «The Camouflage Project» sich selber – stehen da nicht nur die tamilische, sondern auch die der Migranten, der Gebildeten, der «Jungen», der Frauen, der Kunstschaffenden und zahlreiche weitere zur Verfügung.

Mehr zu «The Camouflage Project» hier:

Das spartanisch gehaltenen Bühnenbild, welches nur aus einem leicht abfallenden, dunkelroten Bühnenboden besteht, der stets ohne Schuhe betreten wird, passt bestens zur unaufgeregten Art, wie Gaya und Patrick dokumentarische Episode an Episode reihen und dabei auch auf den Konflikt der ersten mit der zweiten Generation zu sprechen kommen. So schlüpft Patrick in einem längeren Monolog in die Rolle seines Vaters, zeigt dessen Sicht auf die Ankunft seines 10-jährigen Sohnes in Deutschland und verdeutlicht Distanz, Kälte und Entfremdung einer Beziehung, in der zwei komplett unterschiedliche Welten aufeinanderprallen: Eine, die der Tradition des Heimatlandes verpflichtet bleiben will, und eine, welche Neues ausprobieren und mit dem Erbe brechen will.
«The Camouflage Project» ist eine dokumentarische Performance, in der Spiel und Szenen durch ästhetische Schlichtheit bestechen und gerade deswegen anschaulich und wirkungsvoll sind. Gaya und Patrick gewähren Einblick in Gepflogenheiten der tamilischen Kultur, thematisieren Konzepte wie Identität, Herkunft, Tradition oder Anpassung und verdeutlichen die weitreichenden Folgen des Bürgerkrieges in Sri Lanka. Durch die vielen Einschübe in Tamil wird zudem eine weitere Sinnes-Ebene verstärkt aktiviert und Gayathri Sritharans ausdrucksstarker Bharatanatyam -Tanz zum Schluss des Stückes verdichtet in seiner Eindringlichkeit die ganze Spannung einer Generation, die ihre Postion zwischen zwei Welten ständig neu ausloten muss.

«The Camouflage Project», Schlachthaus Theater, Do – Sa, 20:30 Uhr.

Der Bund, 15.10.15

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