«Mein Kind ist tot – I like»

Wir sind selig oder_ Oder. - Konzert Theater Bern

«In was für eine Scheisse sind wir da eigentlich hineingeraten?» Michèle Roten knöpft sich in ihrem ersten Bühnenstück «Wir sind selig oder Oder» die Generation Y vor. Herausgekommen ist eine messerscharfe Bestandesaufnahme einer Generation zwischen Orientierungslosigkeit und Egozentrik.

Im aktuellen Sprachgebrauch bezeichnet «Generation X» diejenige Menschen, welche irgendwann im Zeitraum zwischen 1960 und 1980 geboren wurden. Etabliert hat sich der Ausdruck vor allem durch Douglas Couplands Episodenroman «Generation X», in welchem dieser das Lebensgefühl einer Generation abhandelt, die sich mit «McJobs» durchs Leben schlägt – also schlecht angesehenen Jobs im Dienstleistungsbereich – und die Katerstimmung dokumentiert, welche die wohlstandsorientierte Lebensart der Vorgänger-Generation verursacht hat. Generation X wolle ihr Leben nicht an der Anhäufung von Statussymbolen messen, sondern lege eine Art «exhibitionistische Bescheidenheit» an den Tag, so Couplands Bestandesaufnahme.
Während Vertreter der Generation X heute in renovierten Altbauwohnungen oder Einfamilienhäusern auf dem Land leben, findet das Leben deren Nachkommen vorwiegend in der virtuellen Welt statt. Generation Y – also zwischen 1980 und 1995 Geborene – sind die Kinder des globalisierten Internetzeitalters. Das Smartphone ständig im Anschlag und die farbigen, überdimensionierten Kopfhörer auf dem Kopf sind diese «Digital-Natives» nicht nur perfekt von ihrer Aussenwelt abgeschottet, desinteressiert und politikverdrossen, sondern auch orientierungslos und narzisstisch, so die landläufige Meinung.
Was Douglas Coupland 1991 mit Generation X tat, macht Michèle Roten nun mit Generation Y in ihrem ersten Theaterstück «Wir sind selig» oder «Oder», (Regie: Nina Gühlstorff). Darin rechnet die 36-jährige Zürcher Journalistin und Autorin humorvoll aber auch gnadenlos mit dieser Generation ab, führt deren hedonistisches Selbstverständnis vor, entlarvt in scharfen Dialogen Selbstverliebtheit und Unzulänglichkeiten und zeigt Probleme und Sehnsüchte von Menschen auf, die in einer Multioptionsgesellschaft leben, in der es Selbstverwirklichung in allen Lebenslagen anzustreben gilt. Dass das Stück nicht zum moralinsauren Zeigefinger-Drama verkommt, ist Rotens bärbeissigem Humor zu verdanken, der bestens aus ihren Kolumnen bekannt ist, welche sie 10 Jahre lang für das Magazin verfasst hat.

Die Welt der Likes
Welch wichtige Rolle virtuelle soziale Netzwerke für die Generation Y spielen, wird gleich zu Beginn von Rotens Stück klar. Anna (Sophie Hottinger) hat während ihrer Schwangerschaft eine Fehlgeburt erlitten und bastelt an einer Statusmeldung herum, mit der sie ihre Facebook-Freunde über dieses Ereignis informieren will. «Wenn es jemals irgendetwas zu posten gab, dann ja wohl das», erklärt sie ihrem Partner Eric (Stefano Wenk), welcher wiederum wenig begeistert ist von Annas Mitteilungsbedürfnis: «Findest du das nicht etwas zu … früh … privat … krass … fehl am Platz … keine Ahnung.» Die Welt der Likes mag wichtig sein, um Wissen zu teilen oder dem Ego einen Schub zu verleihen. Für Trauer oder lebenserschütternde Nachrichten gibt es in dieser Welt aber wenig bis gar keinen Platz und so bringt die Statusmeldung für Anna denn auch nicht den erhofften Trost. Im Gegenteil: «Jetzt haben noch fünf den Status geliked – Mein Kind ist tot. I like.»
Weil sich auf Facebook nicht die gewünschten Reaktionen einstellen wollen, lädt Anna das befreundete Paar Sophie (Mona Kloos) und David (Pascal Goffin) – stolze aber überforderte Eltern von Zwillingen – zu einer Abschiedsfeier für ihr ungeborenes Kind ein. Nach Vorbild der jüdischen Tradition des Schiv’a-Sitzens soll um das Kind getrauert werden. Jüdischen Glaubens ist allerdings nur David, welcher sich aber mit Tradition und Riten nicht auskennt, schliesslich sei er nur ein «Papierlijude». So verkommt die Trauerfeuer zur Farce. Im Verlauf des Abends läuft die Zusammenkunft zwischen Anna, Eric, Sophie und David zudem immer wie mehr aus dem Ruder und gipfelt in einer bitterbösen Schlammschlacht, in der sich die die beiden Paare ihre Unzulänglichkeiten vorhalten und dabei latente Egozentrik offenbaren.

«Anything goes»
«Du … nein, ihr … deine Generation, ihr denkt immer, ihr hättet alles in der Hand», sagt Annas Mutter (Heidi-Maria Glössner) an einer Stelle in Rotens Stück zu ihrer Tochter und formuliert damit das grundlegende Dilemma der Generation Y. Es gilt in allen Lebensbereichen nach Selbstverwirklichung zu streben und gleichzeitig den Sinn des eigenen Seins und Tuns zu ergründen. Und das kann so schwierig ja nicht sein, denn schliesslich gibt es für jedes Problem eine Lösung, so die Suggestion der modernen Gesellschaft. Oder wie es Anna formuliert: «Schlabbriger Bauch? Spanx! Angst vorm Fliegen? Bioresonanztherapie! Nervöses Kind? Ritalin! Übergewicht? Magenband! Kein Geld? Kredit!»
Rotens Theater-Debut zeigt auf eindrückliche und intelligente Art und Weise die Überforderung und Orientierungslosigkeit, welche eine Gesellschaft mit sich bringt, in der alles möglich ist. Woran soll man sich orientieren? Was kann den Seelen-Schmerzen lindern? Alles wird ausprobiert, Mike Shiva, Psychotherapie, Pfarrer und Yoga, helfen will aber nichts, obwohl durch Whatsapp, Twitter und Instagram doch eigentlich die ganzen Welt erreicht werden kann. Ironie als kommunikative Grundhaltung lässt keine Tiefe zu, Spiritualität wird zur hohlen Phrase und das selbstbestimmte «anything goes»-Leben zwischen Eames-Stühlen und Minotti-Sofas (Bühnenbild Renate Wünsch) ist somit ein seichtes. Der Versuch, dem Ganzen einen Sinn abzugewinnen, scheitert. Zurück bleibt Ratlosigkeit. Oder um es mit den Worten von Anna und Sophie auszudrücken: «In was für eine Scheisse sind wir da eigentlich hineingeraten?» «In die ganz normale Scheisse Leben, nehm ich mal an.»

Uraufführung und Buchvernissage: Heiter Fahne, Freitag 5 Juni, weiter Spieldaten bis 26. Juni.
Michèle Roten: «Wir sind selig» oder« Oder», Echtzeit Verlag, 96 Seiten, 19 Franken.

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