Matto Kämpfs «Kanton Afrika»

kanton afrika - Google-Suche«Wer das liest, ist doof»: Der Berner Schriftsteller Matto Kämpf hat sein erstes längeres Buch verfasst und schickt darin seinen fiktiven Urgrossvater auf eine vergnüglich-groteske Exkursion quer durch die Schweiz.

«Praliné-Literatur. Dicht und massiv. Und wenn man zu viel davon abbekommt, wird einem bestimmt kotzübel. Drum sinds nur hundert Seiten.» So begründet der Berner Schriftsteller Matto Kämpf die Kürze seines neusten Buches «Kanton Afrika». Der mit überbordender Fantasie gesegnete Kämpf erzählt darin die Geschichte seines imaginären Urgrossvaters Immanuel Traugott Gotthold Theophil Kämpf und schickt diesen auf eine abenteuerliche Reise quer durch die Schweiz.

Die aberwitzige Odyssee nimmt ihren Anfang in einem abgelegenen Tal im Berner Oberland, «ein mit Tannen bewachsener Unsinn», wobei der Bub schon im zarten Alter von acht Jahren zum ersten Mal mit dem Gesetz in Konflikt gerät und auf Schloss Thun eingelocht wird: «Der Zyklop steckte mich in gestreifte Lumpen und zerrte mich Fackeln fuchtelnd in ein feuchtes Verliess.» Matto Kämpf alliteriert und fabuliert in «Kanton Afrika», was das Zeugs hält, und persifliert dabei zahlreiche Genres.

So ist die Reise des Immanuel Kämpf wie ein traditioneller Entwicklungsroman aufgebaut, wobei einen der Protagonist abwechslungsweise an den tumben Parzival, den Grafen von Monte Christo, den Baron von Münchhausen, den Riesen Gulliver oder James Bond erinnert. Gleichzeitig ist dieser Immanuel Kämpf ein bauernschlauer Schelm, der ganz nach dem Vorbild von Asterix Grundsteine für zahlreiche Traditionen legt. So begründet er die welsche Weinkultur, erfindet das Raclette, die Höhlenmalerei und ganz nebenbei auch die praktische Psychologie.

Schellenursli und der Horror

Die Figur des Immanuel Kämpf ist ein Konglomerat aus Versatzstücken verschiedenster bekannter Typen, und genau so verhält es sich auch mit dem Rest der halsbrecherischen Geschichte. In praktisch jedem Satz von «Kanton Afrika» finden sich Anspielungen auf lokale, nationale oder mythische Figuren, Gegebenheiten und Ereignisse. So werden in Thun schwarze Schwäne mit weissen ausgestopft, in Basel erscheint dem sinnvernebelten Immanuel bei einer Velofahrt über eine Brücke dieselbige blau und der Himmel rot, während unten tote Fische in gelbem Schaum schwimmen. Im Appenzellerland wird er von Zwergen mit klingenden Namen wie Gröz, Gföll, Föörig, Holöck, Ooleiig oder Föchtelig attackiert, im Bündnerland kredenzt er dem Schellenursli ein Calanda, in Einsiedeln zwinkert ihm die Schwarze Madonna zu, am Vierwaldstättersee kreuzt er die Wege von zwei Herren namens Hahnibahl und Suworoff, und in Basel kommentiert eine Frau ein ungeniessbares Läckerli mit den Worten «Das ist der Horror, der Horror.» Es spielt bei der Lektüre von «Kanton Afrika» allerdings keine Rolle, wenn nicht alle Anspielungen gedeutet werden können. Ganz im Gegenteil wird die Absurdität der Geschichte dadurch nur noch verstärkt, was ganz in Matto Kämpfs Sinn ist.

Sprachliche Zirkusnummern

Eine Reise quer durch die ganze Schweiz werde sich in früheren Zeiten ja ungefähr so abenteuerlich angefühlt haben, wie wenn man heute alleine den Westen Afrikas bereisen würde, erklärt Kämpf den Titel von «Kanton Afrika». Genauso abenteuerlich ist denn auch Kämpfs Schreibstil: Pointen inhaltlicher und sprachlicher Art jagen sich, und lakonische Verknappungen stehen üppigen Bildern und hanebüchenen Vergleichen gegenüber. Ja, der Text ist dicht, denn Kämpf baut detaillierte Beschreibungen, die dem Leser eine Verschnaufpause verschaffen würden, höchstens dann ein, wenn er Thomas Mann parodiert. Ansonsten treibt er die tollkühne Geschichte von Immanuel Kämpfs Reise rasch voran und geizt dabei nicht mit sprachlichen Zirkusnummern: «Schon peitschte der Feurige Florist seine Tanztulpen in die Manege.»

Matto Kämpf mag das Aberwitzige und Groteske, formuliert schlau und fantasievoll und lässt sich gerne auch mal zu vergnüglichen Kindereien hinreissen: «Wer das liest, ist doof.» Wollte man Kämpfs Rezept in einem Kochbuch für Literaten festhalten, würde dies so klingen: Man werfe zahlreiche Textsorten, historisch mehr oder weniger exakte Fakten, bekannte Phrasen, Mythen und Traditionen in einen Topf, rühre einmal kräftig um, würze mit einer ordentliche Prise Fantasie und Schabernack, und fertig ist die Suppe, pardon, das Praliné à la Kämpf.

Matto Kämpf: Kanton Afrika. Verlag der Gesunde Menschenversand, Luzern 2014, 98 S. 26.90. Buchvernissage: Schlachthaus-Theater, Freitag, 11. April, 22 Uhr.

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