Dem Hirn zu Leibe gerückt

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In ihrem Spoken-Word Stück «Hirni» nehmen Matto Kämpf und Gerhard Meister unser Denkorgan genauer unter die Lupe, bringen dafür Füchse um und widerlegen kurzerhand Darwins Evolutionstheorie.

Eigentlich wären sie ja viel lieber Dachdecker geworden. Aber weil die Lehrstelle bereits besetzt war, sei halt nur noch der Hirnforscher Oberli als Lehrmeister übriggeblieben. Im ersten Lehrjahr habe man noch an Pferden- und Mäuseköpfen herumhantiert, im zweiten Lehrjahr sei man dann schon mitgenommen worden auf den Friedhof. Den Lehrabschluss sei auf dem Schwerpunkt Intelligenz gemacht worden und besagter Intelligenz wolle man nun zu Leibe rücken. So in etwa die Kurzzusammenfassung des Spoken-Word-Stücks «Hirni» der Berner Literaturdesperados Matto Kämpf und Gerhard Meister. Die beiden betätigen sich darin als Hirnforscher und ergründen komödiantisch, wie sich ein Hirn denn überhaupt definieren lässt, ob Intelligenz in den Genen verhaftet ist oder durch Konditionierung gesteigert werden kann und warum ein Zürcher Stadtfuchs so viel gescheiter zu sein scheint, als seine ländlichen Kollegen.

Für zwei Sprachverliebte, wie dies Kämpf und Meister sind, bietet das Gebiet der Hirnforschung allerhand klingendes Material. Von Mechano-elektrischer Transduktion ist das etwa die Rede oder von Amygdala und Hippocampus. Ausserdem führen die beiden mit viel Schabernack verschiedenste Hypothesen ad absurdum, so etwa den Mozart-Effekt (räumliches Vorstellungsvermögen soll durch das Hören von klassischer Musik, insbesondere den Stücken von Mozart, verbessert werden), wobei Meister absurd-schlüssig darlegt, dass ein Mozart-Hirn im Zeitalter des Säbelzahntigers alles andere als ein Vorteil gewesen wäre und dabei kurzerhand Darwins Evolutionstheorie widerlegt.
Es ist vergnüglich Kämpf und Meister dabei zuzuschauen, wie sie die Skurrilität von Fallbeispiele aus der Neuropsychologie herausarbeiten und aberwitzige Forschungsprojekte zitieren, wie etwa dasjenige aus den 1920er-Jahren, bei welchem das Hirn von Lenin in insgesamt 31’000 hauchdünne Scheiben geschnitten wurde, was ein ganzes Jahr in Anspruch nahm.

Sehr unterhaltsam ist auch die Fuchsjagd, welche die beiden Herren anstellen, um dem schlausten Fuchs von Zürich zu Leibe zu rücken, der mit Vorlieben Lift fährt und in seinem Bau ausschliesslich Klassik- und Jazz-Platten hört. Filmsequenzen zeigen, wie der schlaue Reineke übertölpelt und kurzerhand erschossen wird, um untersuchen zu können, inwiefern sich dessen Gehirn denn von einem normalen Fuchsgehirn unterscheidet. Da sich die Erkenntnisse nicht unmittelbar einstellen wollen und auch der Traumsauger, der Träume hinsichtlich versteckter und unterbewusster Intelligenz untersuchen soll, keine Erkenntnis bringt, wird kurzerhand das Publikum zum wissenschaftlichen Massenversuch angestiftet und ein Drink mit dem klingendem Namen «Hirni on the Beach» serviert, dessen Hauptzutat Fuchshirn ist.

Kämpfs und Meisters Programm «Hirni» ist kurzweilig dank theatralen Elementen und Filmsequenzen, manchmal lehrreich und manchmal auch vergnüglich unsinnig, weil hier eine ernste Wissenschafts-Disziplin respektlos mit Profanem und Absurdem gekreuzt wird; Nichts verdeutlicht dies besser als der Hirnforscher-Rap der beiden Spoken-Word-Rabauken: «Hirni, du bisch geil! Du gisches huere düre, du seisch ar Hang, wie u wo am Füdle chratze.»

«Hirni» von Matto Kämpf und Gerhard Meister, Samstag 2.5., Naturhistorisches Museum.

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