Ein Wurm namens Lemmy

«Natürlich sind wir alle Nerds»: Im Naturhistorischen Museum thematisiert die Ausstellung «Rock Fossils» die flammende Liebe der Paläontologen-Gilde zur harten Stromgitarrenmusik.Rockfossils deutsch

Niedergekniet sei er beim Anblick der Vitrine, erklärt der Paläontologe Achim Reisdorf, um es gleich noch einmal zu tun. Objekt der Verehrung: Die 30-jährige Platte «Metal Heart» der deutschen Heavy-Metal-Pionier-Band Accept. Kultstätte: Naturhistorisches Museum Bern. Was eine Heavy-Metal-Platte im Naturhistorischen Museum verloren hat und warum ein Naturwissenschaftler, der sich normalerweise mit Versteinerungen beschäftigt, ehrfürchtig davor auf die Knie fällt? Weil die Ausstellung «Rock Fossils – Ja, es ist Liebe!» zwei Themengebiete verbindet, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammen passen wollen: harte Musik und harte Fossilien-Fakten.

«Natürlich sind wir alle Nerds, aber wir haben auch ein Leben ausserhalb des Steinbruchs», erklärt ein sympathisch euphorisierter NMBE-Mitarbeiter Reisdorf bei der Eröffnung der Ausstellung. Offenbar pflegt ein grosser Teil der paläontologischen Fraktion in besagter Freizeit gerne amouröse Liaisons mit Musik der härteren und härtesten Gangart. Das schlägt sich denn auch in der Namensgebung nieder, wenn eine bislang unbekannte Tierart entdeckt wird und der versteinerte Vogel, Krebs, Fisch, Wurm oder Artverwandtes gerne auch mal nach einem Stromgitarren-Helden benannt wird.

Vielborster mit Warzen
Die kleine, aber unterhaltsame Sonderausstellung Rock Fossils wurde letztes Jahr im dänischen Faxe eröffnet und ist nun zum ersten Mal ausserhalb Skandinaviens zu sehen. Die Exposition sei allerdings vom NMBE noch ordentlich mit Bildern und Plattencovern «gepimpt und getunet» worden, so Direktor Christoph Beer. Insgesamt werden 36 Fossilien vorgestellt, und zwar zusammen mit den Rock-, Punk- und Metal-Legenden, nach denen sie getauft wurden, wobei sich oft vergnügliche Parallelen finden lassen. So ist Kalloprion kilmisteri ein Ringelwurm aus der Gruppe der Vielborster, der über eine beachtliche Anzahl Warzen am Rücken verfügt und nach dem Rock’n’Roll-Übervater und Motörhead-Frontmann Lemmy «Warzengött» Kilmister benannt wurde. Oder da wäre Jaggermeryx naida, ein Urahn des heutigen Flusspferdes, aufgrund dessen durchaus imposanter Lippe der Rolling-Stones-Sänger Mike Jagger als Namensgeber hinhalten musste. Selbst sattelfeste Musikfans können in Rock Fossils noch etwas lernen, denn bei der Benamsung ist zum Teil viel Insiderwissen mit eingeflossen. So sind beispielsweise nicht nur die vier Beatles, sondern auch deren ganzes Management namentlich vertreten. In ästhetisch adäquater Umsetzung – Düster-Licht und metallene Tafeln – wenn auch ein bisschen gar textlastig liefert Rock Fossils Hintergrundwissen zu versteinerten Geschöpfen aus allen Erdzeitaltern und deren Namens-Paten.

Die Kollegen ärgern
Grundsätzlich ist ein Wissenschaftler bei der Benennung seiner Entdeckung relativ frei, einzig die Lateinisierung des Namens muss eingehalten und es dürfen keine Obszönitäten verwendet werden. Oft fliessen bei der Taufe der Fundort oder die Form des Fossils in irgendeiner Form mit ein. Die Praxis der Benamsung nach Rockstars begann Anfang der 70er-Jahre, als eine ausgestorbene Schnecken-Art zu Ehren von Frank Zappa auf den klingenden Namen Amaurotum zappa getauft wurde. Richtig aus den Vollen geschöpft hat dann in den 90er-Jahren der Forschungsleiter des Naturhistorischen Museums in London, Greg D. Edgecombe, der insgesamt zehn fossile Tierarten nach den Bandmitgliedern von AC/DC (Maldybulakia malcolmi und angusi), den Ramones (Mackenziurus johnnyi, deedeei, ceejayi und joeyi) und den Sex Pistols (Arcticalymene viciousi, cooki, rotteni und matlocki) benannt hat. Als einen der Gründe, warum er Mitglieder seiner Lieblingsbands zur Namensgebung herangezogen hat, gibt Edgecome an, er habe gehofft, damit seine älteren Kollegen ein bisschen ärgern zu können.

«Keine Ahnung», antwortet Paläontologin Ursula Menk-Feld und auch die Kollegen ihres Faches sind zunächst etwas ratlos. Dabei ist die Frage doch eigentlich zentral: Warum ist es denn gerade die harte und wilde Rock- und Metal-Musik, die bei Vertretern der etwas angestaubt wirkenden Disziplin der Paläontologie so beliebt ist? Professor Mats E. Eriksson vom geologischen Institut der schwedischen Universität Lund und Entdecker von Kalloprion kilmisteri kratzt sich erst einmal im langen Haupthaar und stellt nach reiflicher Überlegung die These auf, dass es mit der Tatsache zu tun haben könnte, dass sich Metal-Fans durch äusserste Hingabe auszeichnen würden und dass dies ja auch beim wissenschaftlichen Arbeiten notwendig sei. Achim Reisdorf bläst ins gleiche Horn und vermutet, dass Naturwissenschaftler von Ehrlichkeit und Direktheit angetan wären und genau dies seien ja die musikalischen Grundelemente von Metal. Berufskollege Bernhard Hostetter hält derweilen lakonisch fest: «Beides herti Büez.»

Paracidaris eluveitie
«Herti Büez» lieferte am Eröffnungsabend von Rock Fossils denn auch die Pagan-Metal-Band Eluveitie, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, füllen die Winterthurer in Nord- und Südamerika, Australien und Asien doch grosse Stadien. Der achtköpfigen Truppe ist die besondere Ehre zuteil geworden, dass eine erst kürzlich im schweizerischen Jura entdeckte, 160 Millionen Jahre alte Seeigel-Art ab sofort den Namen Paracidaris eluveitie trägt. Harte Arbeit war das Konzert aber nicht im physischen Sinne, sondern vielmehr aufgrund der Tatsache, dass Eluveitie mit ihren mittelalterlichen Instrumenten im betörend morbiden Skelettsaal des NMBE ein Unplugged-Konzert spielten, was sie gemäss Frontmann Christian Glanzmann in der Form noch nie getan hätten. Entsprechend seien Sie seit 10 Jahren tatsächlich mal wieder ein bisschen nervös, so Glanzmann. Grund dazu gab es keinen, denn die zahlreich aufmarschierte schwarzgewandete Zuhörerschaft schien sich auch mit den ungewohnt sanften Eluveitie-Klängen durchaus anfreunden zu können. Einzig die Herren Paläontologen Erikson und Reisdorf dürften allenfalls ein ganz klein wenig enttäuscht gewesen sein, hatten die beiden doch im Vorfeld vereinbart, man würde sich dann im Moshpit treffen und einen ordentliche Stage-Dive hinlegen.

Die Ausstellung «Rock Fossile – Ja, es ist Liebe!» inklusive samstäglichem und sonntäglichem Plattenladen und «hartem Rahmenprogramm» dauert noch bis am 31. Mai. Infos: www.rockfossils.ch/

Text erschienen in «Der Bund» (20.3.15)

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