«Laa se la mache, die Gglöön»

wösa coverDer älteste Slam Poet der Schweiz rückt dem Berndeutschen zu Leibe: Hans Jürg Zingg bildet in seiner Mundart-Lyrik verschiedenste Facetten des Lebens ab und sinniert dabei über den Sprachgebrauch.

«Widerspänschtigi Vycher», die sich nicht zähmen lassen wollen, so beschreibt Autor und Kabarettist Hans Jürg Zingg die Materie seines Buches «My Wörtersack». Lebendig und schnell wie der Teufel seien Wörter, erklärt Zingg weiter, einsperren und damit konservieren könne man sie nicht, entsprechend solle man sie am besten einfach machen lassen, «die Gglöön.» Kurz und bündig bringt der im Emmental beheimatetet Zingg hier Wesen und Natur von Sprache auf den Punkt und erklärt weiter, dass die widerspenstigen Viecher auch kein Schamgefühl hätten, sondern vielmehr Werkzeug seien, um dem Menschen für all seine Facetten – «Hiirni, Mage, Häärz, Hut, Haar u Hode» – einen Ausdruck zu ermöglichen. In seiner Sprach-Wundertüte versammelt der ehemalige Gymnasiallehrer denn auch Dialektgedichte, die sämtliche Alterszyklen und Bereiche des Lebens abdecken. So wird vom Bub berichtet, der auf dem Schulweg «es Mickymous ggänggelet» für 90 Rappen und beim «Dökterle» erste Erfahrungen macht mit «Füdleupyggerzeige» bis hin zu Demenz und Lebensmüdigkeit im Alter, etwa wenn die alte Frau erklärt: «I huuf de öppe Flügeli fasse».

Hans Jürg Zingg hat sich bereits früh in seinem Leben auch kabarettistisch-satirisch betätigt und nach seiner Pensionierung begann er in einem Umfeld aufzutreten, welches naturgemäss eher von jungen und ganz jungen Poeten betrieben wird: dem Poetry-Slam. Entsprechend weisen denn auch viele Gedichte in seinem «Wörtersack» lautmalerische Qualitäten auf, wobei einige der Wortspielereien des 70-Jährigen an die komischen Lautgedichte eines Ernst Jandl erinnern. Zudem verweisen Zinggs Wortzerlegungen, bei welchen Ausdrücke wie «Schnäbi» oder «Zunge» komplett aufgebrochen und in verschiedensten Variationen neu zusammengesetzt werden, auf die repetitive Nonsense-Lyrik des Dada. Der Mundart-Lyriker zeigt sich in seinem Umgang mit dem dichterischen Formenreichtum also durchaus als moderner Literat, liefert als ehemaliger Gymnasiallehrer, Romanist und Germanist aber auch kritische Betrachtungen zu aktuellen Sprachgepflogenheiten in der «Bäärner Umgangsschpraach».So sinniert er über die Tatsache, dass Adjektive zwar häufig mit u- verstärkt werden («u-guet»), sich dabei aber eigentlich in ihr Bedeutungsgegenteil verkehren. Zudem mokiert sich Zingg über leere Phrasen wie «so was vo», oder entlarvt Floskeln wie «schpeziell» als bedeutungsleer. Dies tut er aber zum Glück nicht mit dem erhobenen Zeigefinger des ehemaligen Schulmeisters, sondern vielmehr spielerisch-ironisch, denn schliesslich geht es Zingg selber nicht ums Bewahren oder um eine «Reinhaltung» der Sprache, sondern vielmehr um Bewusstmachung bestehender Sprach-Phänomene durch Experimentieren. So sagt er denn auch selber über seine Sammlung: «Dä Wörtersack isch sicher nüüt für ängi Geischter (…) I ha uf d Spraach glost üses Bärndütsch isch my Meischter».
Diesen Meister bildet Zingg denn auch in seiner ungemeine Vielfalt ab, etwa wenn er für den Besuch des stillen Örtchens ganze 19 sprachliche Varianten aufzählt. Schön ist auch, wie einem bei der Lektüre von «My Wörtersack» vergessene, wunderbar klingende Ausdrücke wie «Ranzeschnittli», «rugge» oder «Chniepi» wieder in Erinnerung gerufen werden.

Hans Jürg Zingg: «my wörtersack. gedicht ir bäärner umgangsschpraach. spouken wöörd.» Pro Lyrica, 2014

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