«I’ll Walk Out Into Tomorrow»

Wenn Sie auch schon mal an einer Gotik-Party die Wand angetanzt haben, dann kennen Sie Anne Clark, denn ihr Songs Our Darkness und Sleeper in Metropolis gehören zum Standard-Repertoire jedes anständigen Nachtschatten-DJs. Anne Clark ist aber viel mehr als einfach nur eine Frau, die in den 80er-Jahren einen New-Wave-Hit landete. Die heute 57-jährige Engländern, die sich Rilke und anderen deutschen Poeten verbunden fühlt, kann getrost als Pionierin der Spoken-Word-Kunst bezeichent werden. Filmemacher Claus Withopf hat der Grand Dame des Synthie-New-Waves nun einen Dokumentarfilm gewidmet: «I’ll Walk Out Into Tomorrow» ist ein fesselndes Porträt über einen beeindruckenden Menschen geworden.

Eigentlich habe sie doch immer nur Bücher und Gedichte schreiben wollen, beschreibt Anne Clark ihre Jugend im grimmen Londoner Stadtteil Croydon. In der Working Class-Umgebung sei sie damit aber auf wenig Begeisterung und Verständnis gestossen. Als dann Mitte der 70er-Jahre die Sex Pistols auf der Tapete erschienen und die ganze Punk-Bewegung losgegangen sei, habe sich das für sie wie eine Befreiung angefühlt, erzählt Clark. Der Do-It-Yourself-Charakter der Bewegung sei ihr entgegengekommen, ihr, die schon früh mit ihrem Kassettenrecorder Geräusche aufzeichnete und mit analogen Synthesizern zu experimentieren begann. Ab 1982 gab Clark im Jahresrhythmus Alben heraus, wobei sich das vierte davon, «Pressure Points», sieben Wochen in den Charts hielt. Offenbar hatte die junge Engländerin mit ihrer Mischung aus rhythmisch gesprochenen Weltschmerz-Texten gekoppelt mit elektronischer Musik den Nerv der Zeit getroffen.

Als 16-jährige Punkrockerin hätte sie nicht gedacht, dass sie einmal halbklassische Konzerte in einer Kirche spielen würde, sagt Clark in «I’ll walk out into tomorrow». Mit viel vergnüglichem Archivmaterial aus den 80ern und Interviewmitschnitten zeichnet Claus Withopf in seinem Dokumentarfilm den Weg der Anne Clark nach, wobei es ihm gelingt, die grosse Sensibilität und Reflektiertheit dieser Künstlerin fühlbar zu machen. Ihre atmosphärischen Sprachgebilde haben bis heute nicht an Eindringlichkeit verloren und auch wenn sich Anne Clark in ihren Texten als zeit-, gesellschafts- und konsumkritischer Geist erweist, so ist sie dabei doch niemals bitter, sondern steht ein für Gefühl, Vielfalt und Toleranz. «I’m so intolerant when it comes to intolerance», sagt sie. Man muss sie einfach mögen, diese Anne Clark.

4. Mai 2018 für KulturStattBern

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