Einsortiert.

Wenn sie davon leben könnte, würde sie ihr Leben mit sortieren verbringen, sagt Fabienne Sieger. Dass das Aufreihen und Anordnen von Kleinstobjekten etwas durchaus Befriedigendes haben kann, weiss jede*r, der/die schon mal ein 10’000 Puzzle zusammengesetzt hat. Im Fall von Sortagefachfrau Sieger kann das Anordnen allerdings in wahre Sortierexzesse münden, und zwar auch in Situationen, in denen eigentlich Effizienz gefragt wäre. Wenn sie dran sei mit Kochen, dann schaue sie darauf, keine «unattraktiv aufreihbaren» Lebensmittel verwenden zu müssen. Am Wochenende rechne sie vorsorglich einen halben Tag zur Menuzubereitung ein, sagt Sieger. Dies alles lässt sich dem grossformatigen Buch «Ensortiert. Aus dem Leben einer Sortagefachfrau» entnehmen. Darin enthalten: Schmucke Fotografien von hübsch zerlegten und sortierten Lebensmitteln. Da finden sich zum Beispiel Orangenschnitze oder Gummibärchen sorgfältig nach Grösse und Farbe gereiht oder die einzelnen Bestandteile eines Birchermüeslis, die fein säuber drapiert wurden.

Fabienne Sieger hat ganz offensichtlich ein Auge fürs Detail, für Strukturen und Muster, eine Begabung, die zum Autismus Spektrum Persönlichkeit (früher: Asperger Syndrom) gehört. Man nimmt an, dass etwa 1% der Menschen unserer Gesellschaft betroffen sind, wobei die Schwere der Betroffenheit variiert. In «Einsortiert. Fragmente aus dem Leben einer Sortagefachfrau» gewährt Fabienne Sieger Einblick in ihr Leben und die Schwierigkeiten, welche ihr ihr Besonderssein beschert. Wie Dr. Maria Asperger Felder im Vorwort festhält, würden Menschen mit Autismus Spektrum Persönlichkeit der «Algorithmus fürs Soziale» fehlen. Fabienne Sieger beschreibt in ihrem Buch anschaulich und mit viel Humor, wie und warum ihr Irrationalitäten in sozialen Interaktionen Kopfzerbrechen, Schweissausbrüche oder Schockstarre bereiteten. Telefonieren, unangemeldete Besuche, Begrüssungsküsschen, ungenaue Zeitangaben, verbale Floskeln, Smalltalk oder Überraschungen seien ihr ein Graus und kosteten sie viel Energie. Zur Selbstregulierung und zum Stressabbau zeichne sie exzessiv Quadrate oder sortiere eben Dinge, was ihr maximale Entspannung biete, schreibt die 34-jährige Bernerin.

Nebst den Bildern zerlegter Mahlzeiten oder Lebensmitteln finden sich in Siegers Buch denn auch einige dieser Quadrat-Zeichnungen, die in ihrer Dreidimensionalität an die optischen Täuschungen eines MC Escher erinnern. Ausserdem hat Sieger auch Scherben zu neuen Bildern angeordnet und Fotografien von Mustern versammelt, wie sie in der Natur vorkommen. Alle Bilder verraten den genauen Blick fürs Detail und ein Flair für Gestaltung, wobei die Zweckentfremdung der Gegenständen nicht nur eine harmonische Ästhetik kreiert, sondern auch einen sympathisch eigenwilligen Humor ausstrahlt.

Fabienne Sieger arbeitet als Sonderschullehrerin, ist Mutter zweier Töchter und bloggt als Frau Gminggmangg. Ihr Buch «Einsortiert. Aus dem Leben einer Sortagefachfrau» ist im Autismusverlag erschienen.

KulturStattBern, 27.2.18

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