Nicht nur Gekleckse

abendscheinEtwas salopp formuliert könnte man sagen: Hartmut Abenschein hat während zweier Jahre jeden Tag gekleckert. Auf einer selber konzipierten Druckmaschine fabrizierte der 47-jährige Schriftsteller nämlich täglich einen Klappdruck, indem er schwarze Tinte auf eine Endlosrolle Papier goss und den Abschnitt zusammenfaltete. So entstand eine Reihe mit Flecken, die Abenschein «my daily rorschach» taufte.

Während der Produktion sei ihm aufgefallen, dass die Struktur dieser Flecke derjenigen von geschriebener Sprache ähneln würde, sagt Abenschein. Diese strukturelle Analogie veranlasste ihn dazu, in einem zweiten Arbeitsschritt seine Klecksbilder mit Notizen, Phrasen, Beobachtungen und Reflexionen zu paaren, welche sich im Verlauf der Jahre in seiner Schublade angesammelt hatten. Diese Gegenüberstellung von Texten und Klecksen ist nun unter dem Titel «nicht begonnenes fortsetzen» erschienen, wobei das Büchlein so aufgebaut ist, dass sich auf der rechten Buchseite die Tiere, Geister und Flugzeuge, oder was auch immer man in den Faltbildern zu erkennen glaubt, abgedruckt sind, während auf der linken Seite mit Texteinheiten die gleiche Form imitiert wird.

Die Analogie, welche in «nicht begonnenes fortsetzen» zwischen Klecks und Text herstellt wird, geht allerdings über die optische Struktur hinaus. Abendschein hat seine kurzen Texteinheiten so zusammengesetzt, dass daraus ein rhythmisiertes, fliessendes Ganzes entsteht. Dieses Ganze mäandert assoziativ vom Banalen zum Tiefgründige und wartet mit literatur-theoretischen Überlegungen ebenso auf wie mit einem Rezept für Linsensuppe. Dabei wird oft auch auf der Inhaltsebene auf das gegenüberliegende Bild verwiesen. Sind dort zum Beispiel zwei schwarze, dicke Punkte abgebildet, spricht der Text von entzündenden Insektenstich-Beulen.

Wer gerne linear erzählte Romane liest, der wird mit «nicht begonnenes fortsetzen» wohl nicht glücklich werden. Wer aber assoziative Gedankenströme mag, an unerwarteten Verbindungen und Verweisen seinen Geist schärfen will, oder gerne theoretische Überlegungen zu Begrenztheit oder ästhetischem Vermögen von Strukturen anstellt, für den ist Abendscheins Büchlein nicht einfach nur Gekleckse.

Hartmut Abenschein, «nicht begonnenes fortsetzen», Edition Taberna Kritika, 98 Seiten, 17 Fr.

(Der Bund, 6.3.17)

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