Butoh: voll frontal surreal

«Das macht mir Angst», sagte der kleine Bub auf der benachbarten Sitzgelegenheit. Es ist fürwahr Düster-Seltsames, was die Butoh Tanzkompanie rund um Tänzerin und Musikerin Zoë Binetti im Tramdepot im Burgernziel momentan zeigt. Zum zweiten Mal hat die Crew ein Sinnestheater entwickelt; zu den Rauhnächten, also der dunkelsten Zeit des Jahres, soll tief in die eigene Innenwelt getaucht werden. «Eine Odysee in eine andere Welt» wird einem an der Kasse versprochen, wobei diese Welt vorerst eine polarkalte ist, findet der Start des Sinnestheaters doch draussen statt. Wie froh ist man da um das wärmende Feuer. Mit verbundenen Augen wird man im Anschluss in diese andere Welt geleitet, eine überladene, kaleidoskopartige Brockenstuben-Welt, die im schummrigen Licht surreal anmutet.

Um es vorwegzunehmen: Nach einer Stunde wusste Frau Feuz nicht genau, was sie da gerade gesehen hatte. Aber die Eindrücke waren stark. Grotesk überzeichnete Figuren in raschelnden Papier-Kleidern waren da über die Bühne gestakst, gewankt und gezuckt, ein Paar, welches durch eine lange Haarwurst am Kopf verbunden war, hatte sich aus hängenden Stoff-Kokons geschält, um eine Choreographie aus Anziehung und Abstossung zu tanzen und eine Dame im weissen Sommerkleid hatte mit erotisch aufgeladener Hingabe einen roten Ballon bezirzt, trug dabei allerdings ein Lächeln im Gesicht, das an Jack Nicholson in «Shining» erinnerte.

Das olle Internet bot dann Hilfestellung beim Einordnen des Gesehenen:
Butoh ist eine Ausdrucksform, welche in den 60er-Jahren in Japan entstanden ist, und zwar als Gegenstück zur amerikanischen Kultur von glitzerndem Showbusiness und Musicals. In Butoh wird mit Elementen aus dem modernen Ausdruckstanz gearbeitet, der Körper dient als Werkzeug der Verfremdung und Entfremdung, wobei das Dargebotene sich explizit gegen Biederkeit und Harmlosigkeit wenden will und deswegen Absurdes und Groteskes im Zentrum stehen. (zusammengefasst nach Wikidoof)

Wäre es hilfreich gewesen, das Sinnestheater mit diesem Vorwissen zu besuchen? Ja und nein. Ja, denn man hätte sich so früher von der Vorstellung lösen können, dem Gezeigten einen Sinn und Zusammenhang abtrotzen zu müssen und hätte sich ganz den poetischen Bildern hingeben können. Nein, weil einem das Surreale und Groteske so natürlich voll frontal erwischte. Und Theatererlebnisse, bei denen man auf der Nachhausefahrt mit dem Velo denkt «Was zum Teufel …..?!», sind ja eigentlich immer die besten, nicht?

Das Sinnestheater der Butoh Tanzkompanie zu den Rauhnächten wird noch bis und mit Freitag 30. Dezember im Tramdepot Burgernziel gezeigt – Plätze sind rar, sputen Sie sich.

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