Lebensgeschichten

Zu recht dürfen Sie die Frage stellen, was die olle Feuz gestern im Kunst- und Kulturhaus visavis zu suchen hatte, denn dieses richtet sich explizit an die junge Generation. Der schmucke Altstadt-Keller steht 0-30jährigen als mehrspartige Produktions-, Probe- und Aufführstätte zur Verfügung. Das heisst, dass im visavis zum Beispiel Musikaufnahmen gemacht oder Tanz- und Theaterproduktionen eingeübt und aufgeführt werden könnten, erklärt Vereinspräsidentin Carol Rosa. Ausserdem verfüge das visavis über eine sogenanntes Programmlabor, welchem 20 Kulturschaffende aus allen Sparten und in jedem Alter angehörten. So könnten Laien mit Profis an Projekten tüfteln und von deren Erfahrung profitieren, sagt Rosa.

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Lucien: Mit gerade mal 8 Jahren in einer Zwischenwelt voller Lebensgeschichten hängen geblieben (Bühne: Timon Andeer und Christof Bühler)

Gestern Abend stand die Generalprobe genau eines solchen Projektes an: «Würdest du sie dann lesen?» ist das erste Theaterstück von Naomi Frei, welches in Zusammenarbeit mit der Jungen Theaterfabrik enstanden ist. Gerade mal 18-jährig schrieb Frei ihr Bühnenstück, welches Fragen rund um den Tod verhandelt. Sie sei selber mit einem Todesfall einer nahestehenden Person konfrontiert worden und hätte eine Unmenge an Fragen gehabt, sagt Frei. Die Fragen seien auch nach der Niederschrift des Stückes geblieben, aber immerhin habe ihr die Arbeit doch einen Weg aufgezeigt, mit dem Erlebten einigermassen umgehen zu können. Und ganz nebenbei hat Frei mit «Würdest du sie dann lesen?» auch ein durchaus sehenswertes Theater geschafffen, das dank schmucken Einfällen und schauspielerischen Einzelleistungen Freude bereitet.

Ja was passiert, wenn wir denn mal nicht mehr sind? Und merken wir überhaupt, dass wir nicht mehr sind? André (Samuel von Dach), der Protagonist von «Würdest du sie dann lesen?», tut es anfänglich nicht. Nach einem Motorradunfall findet sich André in einer seltsamen Stadt wieder, eigenartige Figuren wie etwa der 8-jährige Lucien (Silas Lio Glanzmann), oder zwei bizarre weisse Gestalten (Sibel Silvana Kaya und Cöcu André Weyermann) rücken ihm auf die Pelle und unerklärliche Ereignisse häufen sich. Erst allmählich dämmert André, dass er in einer Art Zwischenwelt festhängt, denn Himmel- oder Höllenpforte bleiben ihm momentan noch verschlossen, weil sein Körper im künstlichen Koma am Leben erhalten wird. Was folgt ist eine Odysee bei der allerlei philosophische Fragen rund um Leben und Tod angegangen werden. Dabei stösst André auf einen Mann (Stefan Hugi), welcher die Lebensgeschichten jedes Menschen schreibt. Wie steht’s mit Ihnen, werte Leserschaft? Würden Sie Ihre eigene Lebensgeschichte lesen wollen, falls sie in einer Bibliothek darauf stossen würden?

«Würdes du sie dann lesen?» eignet sich bestens für Kinder, junge Erwachsene und Erwachsene. Aufführdaten im Kunst- und Kulturhaus visavis: 18. – 20., 25 – 27. und 30. November sowie 2. – 4. Dezember. Die dreiteilige Hörspielfassung zum Stück wird am 15., 22. und 29. November auf Radio RaBe ausgestrahlt.

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