Moralisches Mittelmeer-Dilemma

Künstlerisches Schaffen ist immer auch ein Spiegel desjenigen, was gesellschaftspolitisch gerade in der Welt passiert. So erstaunt es nicht, dass sich viele der rund 180 Filme, welche bei der diesjährigen Ausgabe des Kurzfilmfestivals Shnit zu sehen waren, mit dem physischen Grenzübertritt beschäftigten, zumal das Shnit ja auch unter dem Jahresthema «Crossing Borders» stand. Gestern Abend ging die 14. Ausgabe von Shnit zu Ende, der Flaming Faun – also der Oscar für Kurzfilme – im Schweizer Wettbewerb ging an das rund 25-minütige Drama «Bon Voyage» von Marc Wilkins.

In «Bon Voyage» kreuzt das Ehepaar Jonas und Silvia auf einer Yacht durchs Mittelmeer; die Idylle scheint perfekt, der Blick über das weite Wasser ist atemberaubend, die Fische beissen und am Heck des Bootes flattert lustig ein Schweizerfähnchen im Wind. Des Nachts allerdings taucht plötzlich etwas auf dem Radar auf, das da nicht sein sollte. Beim Näherkommen erkennt das Ehepaar ein Boot, welches komplett mit Flüchtlingen überladen ist. Was tun? Werden alle Flüchtlinge aufs eigene Boot geholt, droht dieses zu kentern. Ausserdem ist die Gesetzeslage klar: wer im Mittelmeer illegal Leute aufnimmt, macht sich strafbar und muss mit bis zu 10 Jahren Gefängnis rechnen. In der ersten Schrecksekunde fahren Jonas und Silvia einfach am Boot in Seenot vorbei. Später allerdings drückt das schlechte Gewissen, eine Kehrtwende wird eingeleitet. Als die beiden am nächsten Morgen die Stelle wieder finden, treiben viele der Flüchtlinge tot im Wasser, deren Kahn ist offenbar gekentert.

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Auch wenn das Mittelmeer weit weg sei, so sei es ihnen wichtig gewesen, einen Schweizer Fokus zu schaffen, sagt Produzent Joel Jent. Und ausserdem sehe er Parallelen vom Verhalten von Jonas und Silvia zur Schweizer Flüchtlingspolitik: «Die Schweiz ist ein neutrales Land. Das hat gute aber auch schlechte Seiten. Wir verstecken uns oft hinter Gesetzen, dabei bleibt aber die Humanität auf der Strecke.»

Es ist ein beklemmender und starker Kurzfilm, den Marc Wilkins und sein Team mit «Bon Voyage» liefern. Zuhause in der warmen Stube scheint die Entscheidung sonnenklar: Die Flüchtlinge gehören an Bord geholt. Aber mitten in der Nacht, auf hoher See, mit Kentergefahr und drohender Strafe? Da sieht es dann natürlich wieder anders aus. Es ist diese Ambivalenz zwischen Hilfsbereitschaft, Menschenverstand und moralischer Pflicht, welche «Bon Voyage» zu einem unbequemen Film machen. Und dass wir uns in unseren warmen Schweizer Stuben ab und an so richtig unbequem fühlen, ist von Nöten. Denn so weit weg ist es eben doch nicht, das Mittelmeer.

«Bon Voyage» von Marc Wilkins ist der Gewinner in der Kategorie «Schweizer Film» und gehört auch zu den drei nominierten Beiträgen im internationalen Wettbewerb. Wer dort den Flaming Faun abholt wird am 16. Oktober in New York bekannt gegeben.

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