«Europe, she loves»

Der Entscheid sei auf der Landkarte gefallen, sagt Filmemacher Jan Gassmann, «Wir wollten einfach den europäischen Rändern entlang in Städten Halt machen, von denen man normalerweise nicht so viel hört». Und ausserdem sei er selber noch nie in diesen Ortschaften gewesen, was ihm die Möglichkeit gegeben habe, diese (filmisch) zu entdecken. Tallinn, Sevilla, Dublin und Thessaloniki, dies die vier Städte, welche der 32-jährige Gassmann für seine neuste Dokumentation «Europe, she loves» ausgewählt hat. Ein Film über Paare und Beziehungen habe er machen wollen, und so haben Gassmann und sein Team während drei Monaten unzählige Kilometer auf europäischen Autobahnen abgespult, um insgesamt vier junge Paare zu porträtieren.

EUROPE, SHE LOVES – TRAILER from Outside the Box on Vimeo.

Es sind erstaunlich intime Bilder, welch in «Europe, she loves» zu sehen sind. Die Zuschauerschaft geht mit den Paaren unter die Dusche, mit ihnen ins Bett, schaut ihnen beim Sex zu oder auch dabei, wie sie Drogen konsumieren und aneinander geraten. Die Kamera sei eben ständig an gewesen, erklärt Gassmann, und wahrscheinlich könne man sich einfach nicht so lange in Erinnerung rufen, dass da eine Kamera am filmen sei. Deswegen hätten die Paare dann irgendeinmal einfach gemacht, was sie sowieso gemacht hätten.

Europa sei eine einmalige Region in der Welt, demokratisch, gerecht, friedlich und wirtschaftlich florierend, erklärt in einer Szene von «Europe, she Loves» eine Fernsehstimme aus dem Off. Immer wieder macht Gassmann in seinem Dokumentarfilm eine Meta-Ebene auf, indem er Radio- oder TV-Nachrichten einfliessen lässt, welche den Alltag der Paare in einen grösseren ökonomischen und politischen Kontext setzen oder die Bildebene auch kontrastieren. So wird deutlich, dass Begriffe wie «demokratisch» und «gerecht» im Leben von Menschen, welche am Rande Europas in wirtschaftlich prekären Situationen leben, nicht greifen, beziehungsweise leere Phrasen bleiben müssen.

Jan Gassmann legt mit «Europe, she loves» ein berührendes Porträt vor, weil er Allzumenschliches vorführt und zeigt, wovon Menschen träumen, wie sie leben und lieben, und mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben. Über Freunde und Bekannte seien sie an die vier Paare geraten, erklärt Gassmann. Und klar doch, die porträtierten Beziehungen seien vielleicht ein bisschen extremer als der Durchschnitt, aber als Filmemacher wolle er ja auch keine allgemeingültigen Wahrheiten zeigen, sondern diejenigen Geschichten, die ihn interessierten. Gassmann hat den richtigen Riecher für Geschichten, das beweist er mit «Europe, she loves» einmal mehr. Und ausserdem hat er sich mit Kameramann Ramon Giger, der auf dem Roadtrip durch Europa spektakuläre Bilder geschossen hat, und Klangkünstler Library Tapes, der den Klangcollagen-Soundtrack liefert, auch das perfekte Personal an Bord geholt, so dass «Europe, she loves» zu einem stimmigen, durchaus sehenswertem Ganzen geworden ist.

«Europe, she loves» wird morgen Mittwoch im Kino Rex in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *