Nick Cave – Bildgewaltiges Trauma

Er wolle nicht darüber reden, weil die ganze Geschichte nicht fassbar sei und es eigentlich nur seinen Freund und dessen Familie etwas angehe, sagt Warren Ellis, seines Zeichens Multiinstrumentalist bei The Bad Seeds. Wenn der Freund allerdings Nick Cave heisst und ein weltweit bekannter Musiker ist, dann geht die traurige Geschichte rund um den Verlust von Sohn Arthur, der letztes Jahr gerade mal 15-jährig bei einem Selbstversuch mit LSD verstarb, plötzlich die ganze Welt etwas an. Vielmehr noch dann, wenn dieser Verlust auch zentrales Motiv in einem Film ist, der die Entstehung des neuen Cave-Albums «Skeleton Tree» dokumentiert.

Ab heute steht «Skeleton Tree» in den Läden, der Film «One more time with feeling» wurde gestern einmalig in rund 650 Kino auf der ganzen Welt gezeigt. (in Bern liess das Kino Rex aufgrund grosser Nachfrage den Film im grossen und kleinen Saal und auch noch gleich im Kellerkino über die Leinwand flimmern.) Das klingt nach ausgeklügelter Werbekampagne. Ist es auch, aber nicht nur.

Andrew Dominiks Dokumentation, welche auch am Filmfestival in Venedig gezeigt wurde, ist zu einem sehr persönlichen Porträt geworden, welches bildgewaltig den Aufnahmeprozess von Caves 16. Studioalbum zeigt. Dank aufwändiger Aufnahmetechnik und vielen Schwarzweiss-Bildern wird eine zerbrechliche und auch rohe Ästhetik kreiert, welche den Arbeitsalltag eines Musikers zeigt.

Andererseits wurden die Bilder aus dem Studio auch mit Aufnahmen aus Nick Caves privatem Umfeld und Interviewmitschnitten verwoben. Hier lernt man einen Vater kennen, der nach Worten sucht, die richtigen aber nicht findet, um das Unfassbare fassbar zu machen. In Kombination mit den himmeltraurigen Songs des neuen Albums, die alle ausser einem in voller Länge gespielt werden, wird «One more time with feeling» zu einer Mischung aus berührender Seelenschau und bildgewaltigem Musikfilm.

Neben der ganzen Fixierung auf Ästhetik und Bildsprache ist allerdings etwas Grundlegendes ins Hintertreffen geraten: Interviewtechnik. Die Fragen sind oft keine oder zielen zu einseitig in Richtung Befindlichkeits-Auslotung. Schade auch, kommt Ehefrau Susie Bick so schlecht weg, wird sie doch darauf reduziert, dass sie ihre unterdrückte Kreativität mit dem Herumschieben und Neuarrangieren von Möbeln kompensiere und daneben noch ein paar Kleider nähe. Ausserdem hätte es dem Film nicht geschadet, hätte man die zweite Hälfte gestrafft und einige Szenen weggelassen – so schlittert etwa ein Zoom ins Weltall und zurück haarscharf am Kitsch vorbei.

Und wenn die olle Feuz sowieso schon grad im Meckermodus ist, soll hier auch die Frage gestellt werden, ob dem Publikum mit den Interview-Ausschnitten gegen Ende des Films denn wirklich dermassen aufs Auge gedrückt werden muss, dass hier ein Mensch ein Trauma erlitten hat. Dass dem so ist, wird doch aus Nick Caves philosophischen und berührenden Reflexionen aus dem Off und seinen Songtexten schon mehr als deutlich. Mut zur Leerstelle wäre hier gefragt gewesen, zumal man damit die innere Leere als Folge eines Traumas ästhetisch äquivalenter hätte umsetzen können.

Ob und wann «One more time with feeling» noch einmal in Kinos gezeigt wird, wissen die Sterne bzw. Nick Cave. Dessen neues Album «Skeleton Tree» steht ab heute in den Plattenläden.

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