Einen Tequila auf den Tod

Die Happy End Company lädt im Schlachthaus-Theater mit «Days of the Dead» zur Totenzeremonie und verquickt dabei Mythen und theologische Versatzstücke zu einer schrillen, multidisziplinären Performance.

«Wir haben das gleiche Schicksal wie eine Möhre. Wir wissen nur nicht, von wem wir verdaut werden», sagt Annika Meier und schnippelt dabei burschikos eine Rübe in Stücke. Ein derart salopper Umgang mit der Sterblichkeit ist in unserer Gesellschaft ungewohnt, wird doch alles, was mit Lebensabend und Tod zusammenhängt, gerne verdrängt. Genau diesen Gevatter Tod aber nimmt sich das Künstlerkollektiv Happy End Company in «Days of the Dead» zur Brust. Inspiriert durch den mexikanischen Feiertag Día de Muertos, bei welchem tanzend, trinkend und farbenfroh der Toten gedacht wird, zeigen die Spielenden eine multidisziplinäre Performance, die Tod, Jenseitsvorstellungen, kulturelle Riten und Mythen, aber auch den ganz persönlichen Umgang mit Sterblichkeit aufs Korn nimmt.

Bild: Yoshiko Kusano

«Goodbye Lovers and Friends», singt Noemi Steffen draussen vor dem Schlachthaus-Theater in klirrender Kälte zum Auftakt der Theater-Odyssee und erklärt weiter, dass sie ihrer aufgebahrten Grossmama heimlich Geld zugesteckt habe für die Reise über den Styx.

In der Folge wird das Publikum durch den Hades – den Keller des Schlachthaus-Theaters – gelotst, wo Tequila gereicht wird, brettharter Techno läuft und Anne Welenc, die einem Tim-Burton-Film entsprungen sein könnte, seltsam gespenstisch und teilnahmslos im Takt zuckt. Am Ende des Wiederaufstiegs wird jedem Besucher eine Oblate in Form eines Mais-Chips verabreicht, bevor man dann im eigentlichen Theatersaal von einem wilden Stilmix aus religiösen und popkulturellen Insignien erwartet wird (Bühne: Mona Ulrich).

Die Apokalypse als Salat

Hier wird nun also das Fest für die Toten vorbereitet, wobei Annika Meier in einer Mischung aus Kochsendung und Religionsstunde erst mal die Apokalypse des Johannes an der Zubereitung eines Salates erläutert. Dank Meiers Berliner Schnauze und ihrer sympathisch rüpelhaften Art, wird die gar grimme biblische Vorlage vergnüglich «entschreckt».

In einer Reihe von performativen Episoden macht «Days of Dead» in der Folge deutlich, dass jede Kultur und Religion ihre eigene Art und ihre eigenen Riten hat, mit Sterblichkeit und Jenseitigem umzugehen. So treffen christlich-sakrale Gravitas auf bunte buddhistische Gebetsfahnen und farbenfrohe mexikanische Totenköpfe.

Auch der persönliche Umgang mit der Flüchtigkeit unseres Daseins und dem Schmerz aufgrund von Verlusten ist ein individueller. Dies verbildlichen die Tanzeinlagen (Choreografie: Annalena Fröhlich). Alle rotieren und zappeln auf ihre eigene Art durch das stumpfe Techno-Wirrwarr, das Alltag heisst, manche versuchen dem Unfassbaren kontrolliert zu begegnen, werden dann aber doch von den Beinen gerissen, andere geben sich exaltiert und ekstatisch.

Raum zum Gedenken

«Days of the Dead» ist laut, farbenfroh, schrill, trashig und unverschämt und bietet somit einen wohltuend unkonventionellen Zugang zu den Tabu­themen Tod und Trauer. Und doch lässt das Stück auch Raum zum Sinnieren und Gedenken. Wie möchte ich einmal gehen? Welche Augenfarbe hatte mein verstorbener Grosspapa? Warten Purgatorium, Hades oder Wiedergeburt? Diese stillen Momente berühren und komplementieren das ganze multi­disziplinäre Tohuwabohu. Denn alles Saufen, Lachen und Tanzen hilft nichts, gehen müssen wir am Schluss trotzdem alle.

Weitere Aufführungen im Schlachthaus-Theater am 15. und 16. Januar, jeweils 20.30 Uhr.
(Der Bund, 11.1.16)

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