Dismaland: un-fuck the system

Weston-super-Mare ist ein rund 70’000 Einwohner kleines Nest am Bristolkanal im Südwesten Englands, welches definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat. War das Seebad einst im viktorianischen Zeitalter, als Ferien am Meer in Mode kamen, noch Ziel von zahlreichen Besuchern aus dem nahen Bristol, Bath oder Südwales, hat das Städtchen im Laufe der letzten 100 Jahre kontinuierlich an Attraktivität verloren und wird heute aufgrund seiner schlammigen Strände spöttisch als Weston-super-Mud (Mud = Schlamm) bezeichnet. Der Grand Pier, welcher mit Jahrmarktbetrieb, einarmigen Banditen, Autoscootern und Geisterbahnen einst tausende von Amüsementwilligen anlockte, ragt heute einsam und verlassen in den Meeresarm hinaus. Weston-super-Mare ist zu einem Sinnbild geworden für die trostlose Dekadenz unserer Vergnügungsgesellschaft und damit auch die perfekte Umgebung für das Vorhaben eines Mannes, der mit seiner gesellschaftskritischen Kunst gerne genau diese Dekadenz an den Pranger stellt. IMG_6392 Vor sechs Wochen sorgte der anonyme britische Streetart-Künstler Banksy im verschlafenen Weston-Super-Mare für einen Paukenschlag sondergleichen, als er dort einen Vergnügunspark der etwas anderen Art eröffnete. In ironischer Anspielung an Disneyland hatte Banksy sein temporäres Kunstprojekt «Dismaland» getauft (dismal = trostlos) und entsprechend sollte dieser Rummelplatz eben nicht der seichten Zerstreuung dienen, sondern vielmehr als handfeste, albtraumhafte Unterhaltungs-Dysopie fungieren. Interesse und Nachfrage an Eintrittskarten waren dermassen gross, dass bei der Freigabe der letzten Tranche 3.5 Millionen Interessierte gleichzeitig versuchten, auf die Verkaufsseite zuzugreifen. Frau Feuz gehörte zu den Glücklichen, welche sich für die letzte Ausstellungs-Woche ein Ticket hatten ergattern können. Und so war’s in Dismaland:

Bereits beim Eingang wird klar, dass in Dismaland alles ein bisschen anders funktioniert. Der Einlass-Bereich erinnert in seiner Aufmachung an die Sicherheitsschleuse eines Grenzbahnhofes zu Sowjet-Zeiten. Schlecht gelaunte und unmotivierte Angestellte mit schwarzen Mickey-Mouse-Ohren mustern die Besucher feindlich und pflücken sich wahllos Eintretende heraus, die für eine grobe Leibesvisitation beiseite genommen werden. Drinnen in Park kommt im ersten Moment tatsächlich kurz Chilbi-Feeling auf, denn unterschiedliche Stände locken mit Attraktivitäten und Aktivitäten. Bei genauerer Betrachtung weicht die kindliche Jahrmarkt-Vorfreude aber einem Gefühl von fasziniertem Grausen und Autsch.

IMG_6460 Im pechschwarzen Teich fischen ein paar Männer nach gelben Plastikenten, in der Mitte der Brühe thront ein mit Öl übergossener Pelikan. Hat man eine Ente erfischt, wird einem ein Stück Holz in einem luftdicht abgepackten Sack ausgehändigt. In einem düsteren Miniatur-Hinterhof lassen Besucher über Ketten die heruntergekommenen Bewohner dieses Hinterhofs tanzen, beim «Mini-Gulf» verschwinden Golf-Bälle in der Anlage unerwartet auf Nimmerwiedersehen, bei «Topple the Anvil» wirft ein junger Herr mit Ping-Pong-Bällen nach einem Amboss – wer diesen vom Sockel haut, darf ihn behalten, so das Versprechen. Im benachbarten Teich steuert derweilen ein Teenager via Fernbedienung ein Miniatur-Boote mit Flüchtlings-Figuren, einige Ertrunkene treiben im Wasser. Kinder erhalten bei der Rummelplatz-Bank die Möglichkeit, ihr Taschengeld gegen einen sofortigen, viel höheren Kredit einzutauschen, wenn auch zu einem Zinssatz von 5000% und zwischen allem ragt dieser seltsam deformierte und verdrehte Lastwagenzug senkrecht in den Himmel.

IMG_6472

Im Zentrum von Dismaland thront ein düsteres, heruntergekommenes Schloss, der Schlossgraben ist mit giftgrünem Wasser und Müll gefüllt und beherbergt eine in Scheiben geschnittene Meerjungfrau und einen zum Sprinkler umfunktionierten Polizeipanzer. Drinnen im Schloss findet sich eine abgründige Installation von Banksy selber: eine verunfallte Märchenkutsche inklusive toter Prinzessin wird von Paparazzi belagert, wobei massives und desorientierendes Strobolicht die Fotoblitze simulieren. Ein weiterer Höhepunkt des Anti-Vergnügungsparks ist die grosse Halle mit zahlreichen Bildern und Installationen von über 50 Künstlern und Künstlerinnen aus aller Welt. Werke von Damian Hirst, Lee Madgwick oder dem «natural-born pessimist» Jeff Gillette sind zu sehen, alle liefern sie auf ihre Art einen Kommentar zum Zeitgeschehen ab, einige tun dies mit humorvoller Ironie, andere mit beissendem Sarkasmus und wieder andere mit abgründigem Fatalismus. IMG_6434

Kein Zweifel: Dismaland war ein Kunstprojekt, das es wahrscheinlich wie kein anderes zuvor geschafft hat, humorvoll aber dennoch mit Düster-Ästhetik und vehementer Bestimmtheit auf zeitgenössische Probleme wie Ungerechtigkeit, Armut, Entfremdung, Fremdbestimmung, Konsumwahn, fehlendes Verantwortungsgefühl, absurden Fanatismus und mangelnde Zukunftsperspektiven hinzuweisen. Dismaland ist nun aber nach gerade mal sechs Wochen Geschichte und es stellt sich die Frage, was bleibt. Sind die Besucher bessere Menschen geworden? Wohl kaum – zu schnell wird das Happening vergessen sein und Weston-super-Mare wieder in der Versenkung verschwinden. Allerdings wusste die Dame im angrenzenden Bistrot Banksy’s Aktion trotzdem zu schätzen: «Er gibt der Region, aus der er kommt, etwas zurück, auch wenn es nur kurzfristig ist.» Diese Aussage würde wohl auch die lokale Musikszene unterschreiben, denn in Dismaland fanden regelmässig Konzerte statt, bei denen viele regionale Bands mittaten und dafür eine anständige Gage kassierten, was im heutigen Rock’n’Roll-Zirkus alles andere als selbstverständlich ist.

Vielleicht bleibt also eine Erkenntnis und sei es auch nur die, dass es durchaus möglich ist, wach, intelligent, einfallsreich, kontrovers und engagiert auf Missstände unserer Zeit hinzuweisen, trotz tiefschwarzem Sarkasmus den Humor nicht zu verlieren, Wurzeln und Mitmenschen nicht zu vergessen und mit dieser Haltung anderen vielleicht gar einen kurzen Augenblick von Einsicht zu bescheren. «Un-fuck the system» eben. IMG_6499

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *