«Direkt, drei Akkorde, authentisch»

jackieJackie Brutsche ist nicht nur Performerin, Malerin und Kostümbildnerin, sondern auch Frontfrau des Berner Garagenrock-Trios The Jackets, das soeben sein drittes Album veröffentlicht hat.

«Sorry, ich muss gleich los, Zombie-Kostüme abholen gehen.» Jacqueline «Jackie» Brutsche ist eine vielbeschäftigte Frau, wobei schon mal der Überblick verloren gehen kann bei der Anzahl und Vielfalt ihrer Projekte. Mal gibt sie in einer multimedialen Ein-Frau-Show das rebellische Spermium, das eine Karriere als Astronaut anstrebt, dann wieder spielt sie mit ihrer Band The Jackets Konzerte in England, Spanien oder Norwegen, schneidert für ihre andere Band The Sex Organs Geschlechtsorgane in Übergrösse, malt Porträts, stellt Skulpturen her, bedruckt Kleider, dreht Kurzfilme oder organisiert eben Kostüme für den Dreh des neusten Video-Clips. Kurz: Wenn sich jemand eine Universal-Künstlerin-Medaille ans Revers heften darf, dann Jackie Brutsche.

Hier geht’s zum ganzen Portrait von Jackie:

Multidisziplinäres Multitalent

Lange Zeit war die 38-Jährige schon fast selber überfordert von ihren vielen Interessen. «Ich habe gedacht, ich müsse mich auf eine Disziplin beschränken, um mich nicht zu verzetteln. Das war eine Zeit des Leidens und des Suchens», sagt Brutsche. Erst mit ihrer One-Woman-Show hat sie dann die eigene künstlerische Identität gefunden, die eben eine multidisziplinäre ist. Sowohl für «The Moustache Princess» als auch für «Rebel Sperm» erfand Brutsche Geschichten, schneiderte Kostüme, entwarf das Bühnenbild, setzte dieses mit Hilfe einer kleinen Crew um und verband bei der Aufführung Kunst mit Rock?’n’?Roll und Performance. «Heute weiss ich, dass ich etwas machen muss, das auf mich zugeschnitten ist, und das ist eine Kombination aus unterschiedlichen Disziplinen. Ausserdem bin ich der Meinung, dass sich Kunst sowieso in diese Richtung entwickelt und Spartendenken veraltet ist», verdeutlicht Brutsche. Das Handwerk angeeignet hat sich die Frau mit schweizerisch-spanischen Wurzeln einst an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie Film und Modedesign studiert hat. Letzteres sei aber ein Unfall gewesen, erklärt Brutsche lachend. Sie habe damals eher Anti-Mode designed, zum Beispiel behaarte Strümpfe.

Heavy Metal und Lebensträume

Geboren und aufgewachsen ist Jackie Brutsche in der Stadt Zürich, wobei sie bereits als kleines Mädchen ihre musische Ader auslebte und viel zeichnete und malte. Als sie zehn Jahre alt war, nahm sich ihre Mutter das Leben – für Brutsche ein einschneidendes Erlebnis, das nicht nur ihren Alltag massgebend veränderte, sondern auch in ihrer späteren Kunst ein prägendes Element werden sollte. «Ich bin in einer Männerwelt gross geworden, spielte lieber mit meinem Bruder Fussball als mit Puppen, hörte Heavy Metal und war sehr stolz auf mein erstes Töffli», sagt Brutsche. Berührungsängste mit dem Maskulinen waren ihr fremd, was sich später im tes­tosteronlastigen Rock-’n’-Roll-Umfeld als Vorteil erweisen sollte. «Ich bin sehr gerne eine Frau», sagt Brutsche, «aber ich mag es eben auch, in andere Rollen zu schlüpfen und mit Rollen-Klischees zu spielen.» So trat sie bei Konzerten auch schon mal mit Schnauz auf und bedient sich verschiedener Pseudonyme wie etwa Jack Torera oder Jakob.

Auch Tiffany, die Protagonistin in Brutsches One-Woman-Show «The Mous­tache Princess» bekommt es mit ­einem Schnauz zu tun, erwacht das verwöhnte, aber stets unglückliche Pop-Sternchen eines morgens doch anstatt mit einem Baby mit dicker, buschiger Oberlippenbehaarung. Das wirft natürlich vorerst sämtliche Träume vom grossen Durchbruch über den Haufen. Dann aber ist es gerade der Schnauz, welcher Tiffanys Karriere in die Gänge bringt.

Lebensträume und die Frage, wie man Glück findet, sind Themen, die in Brutsches Schaffen oft im Zentrum stehen. «Der Suizid meiner Mutter spielt dabei sicherlich eine Rolle», sagt sie. «Ich wurde früh mit dem Tod konfrontiert und habe realisiert, wie kurz das Leben sein kann. Deswegen, glaube ich, sollte man sein Leben selber in die Hand nehmen und nicht von etwas träumen, das in weiter Ferne liegt, sondern mit dem arbeiten, was einen umgibt und was man zur Verfügung hat», erklärt Brutsche und definiert dabei auch gleich ihre eigene Haltung als Kunstschaffende. «Nicht auf den grossen Durchbruch hoffen, sondern bescheiden bleiben und einfach machen. Für mich selber funktioniert dieses Rezept gut. Ich fühle mich erfolgreich, weil ich das machen kann, was ich machen will.»

Subversives Rebellentum

Dass man bei realistischen Lebensträumen nicht zwingend auch ein langweiliges Leben führen muss, sondern sich durchaus ein subversives Rebellentum abseits des Mainstreams bewahren kann, macht Jackie Brutsche bei jedem ihrer Band-Auftritte klar. Seit ihrem 21. Lebensjahr tut die umtriebige Dame in musikalischen Combos mit (Rockemons, Mad Cowgirl Disease, The Fox, Jack Torrera One-Woman-Band) und betreibt zurzeit mit ihrem holländischen Lebenspartner das knallbunte Garage-Rock-Duo The Sex Organs, wobei die zwei in übergrossen Penis- und Vagina-Kostümen in die Saiten hauen bzw. aufs Schlagzeug eindreschen. Auch im Trio The Jackets frönt Sängerin und Gitarristin Brutsche dem simplen Garage-Rock der 60er-Jahre. «Diese Art von Musik ist aus einer Bewegung des Selbermachens entstanden und entspricht deswegen auch meiner Haltung. Direkt, drei Akkorde, authentisch.» Bei Konzerten verwandelt sich die grazile und feingliedrige Brutsche jeweils in eine veritable Rampensau, fixiert mit ihren grossen, schwarz umrandeten Augen das Publikum, malträtiert mit eckigen Bewegungen die Gitarre, wirft sich auf den Boden, streckt die Beine käferartig in die Luft, nimmt ein Bad in der Menge und bietet insgesamt grosses Rock-’n’-Roll-Kino.

Soeben haben The Jackets ihr drittes Album «Shadows of Sound» herausgegeben, und zwar auf dem Berner Label Voodoo Rhythm, welches über eine grosse Fangemeinde auf der ganzen Welt verfügt. Somit dürfte es für The Jackets schon bald wieder ans Konzert-Koffer-Packen gehen. Frau Brutsche ist bereit. Oder wie sie es sagen würde: «Einfach machen.» Rössli Reitschule Plattentaufe: Donnerstag, 24. September, 21 Uhr.

Der Bund, 24.9.15

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