Wuchtige Persiflage

«Les mariés de la Tour Eiffel» heisst das Ballett, welches auf einem Drama des Universalkünstlers Jean Cocteau basiert, 1921 in Paris zur Uraufführung gebracht wurde, kurze Zeit für Skandal sorgte und Ruhm erlangte, dann aber bald wieder in Vergessenheit geriet. Zu absurd war die Geschichte rund um eine Hochzeitsgesellschaft, in der ein Kind aus der Zukunft alle Hochzeitsgäste umbringen will. Das Stück hätte ursprünglich den Namen «The Wedding Party Massacre» tragen sollen, und genau diesen Titel hat nun Fabian Chiquet, Künstler, Musiker und kongeniales Mitglied von The bianca Story, für seine Bearbeitung des cocteauschen Stoffs gewählt.

Mehr zur Aufführung von «The Wedding Party Massacre» hier:

Ähnlich ratlos, wie das Publikum in den 20er-Jahren ob Cocteaus surrealer Nonsense-Geschichte gewesen sein dürfte, war die Zuschauerschaft auch nach der Aufführung von «The Wedding Party Massacre» in der Vidmarhalle. Rund eine Stunde lang liessen Chiquet (Konzept und Musik), welcher den singenden und seltsam zwielichtigen Zeremonienmeister gab, und seine Musiker ein düsteres Blitz- und Donnergewitter auf die Besucher niederprasseln. Gemütlichkeit sollte keine aufkommen, das war bereits unmittelbar nach dem Einlass klar geworden, hatten die Zuschauer doch keine andere Wahl, als stehen zu bleiben oder sich auf den Boden zu setzen, weil Stühle fehlten.
Was folgte, war eine äusserst düster gehaltene konzertante Performance auf praktisch leerer Bühne, wobei Tanz mit Video-Projektionen, Schauspiel und Musik zu einer pessimistischen und wütenden Bestandesaufnahme vermengt wurden. In den drei Kapiteln «Creation», «Battlefield» und «Love» zeichneten Chiquet und seine Mitstreiter an den Instrumenten (Joel Fonsegrive, Maurice Könz, Moritz Vontobel und Jonas Wolf) in Kombination mit einer Tänzerin und einem Tänzer (Myriam Garcia Mariblanca und Henry Monsanto) den Menschen als einsamen Kämpfer und Krieger in durch und durch feindlicher Umgebung. Dabei entstanden starke Bilder, etwa wenn emblematisch gekennzeichnete Performer und Visual-Figuren im Gleichschritt zu wuchtigen Trommelgeräuschen mitmarschierten und durch ihre soldatenhafte Manier Gleichschaltung und Eintönigkeit verkörperten.
Herausragend an «The Wedding Party Massacre» sind definitiv die tänzerischen Leistungen und die Video-Projektionen; beidem hätte man ruhig mehr Platz einräumen dürfen. Generell sehnte man sich in der Aufführung nach ruhigen Momenten, denn die Schwarz-Weiss-Konzeption, das inflationär eingesetzte Strobo-Licht, und die lauten Beats des brettharten Industrial-Pops, die einem durch Mark und Bein gingen, führten zur kompletten Reizüberflutung. Andererseits löst Chiquet damit aber natürlich auch genau das ein, was der Titel seines Stücks verspricht, richtet er mit seiner wuchtigen Persiflage auf die Künstlichkeit, Seelenlosigkeit und Kälte unsere Welt doch ein regelrechtes (Zuschauer-)Massaker an.

«Der Bund» 11. September 2015

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