Monthly Archives: October 2016

KultuRadar #34

In der 34. Ausgabe des KultuRadars spricht Filmemacher Raff Fluri über die Fertigstellung des 80-jährigen Schwarz-Weiss-Stummfilm-Märchens «Das Kalte Herz» mit dem jungen Franz Schnyder in der Hauptrolle. Zudem haben wir Autor, Schweizermeister im Poetry Slam und Kabarettist Christoph Simon unmittelbar nach der Première seines zweiten Programmes «zweite Chance» in der Künstlergarderobe besucht und ausserdem gibt der Frontmann von The Monsters Beat-Man eine Anekdote über den soeben verstorbenen Bädu Anliker alias Mister Mokka zum besten. Mit The Monsters, Captain Control, Feet Peals, Howlong Wolf und Rainer Werner Fassbinders Stück «Katzelmacher» in den Vidmarhallen.

Adieu liebster MC Anliker

Er war mc_anliker_s12ein Mann wie ein Erdbeben. Und er schien unsterblich. Deswegen ist die Nachricht ein Schock: Beat «Bädu» Anliker ist gerade mal 59-jährig von uns gegangen. Der Mann, der 30 Jahre lang das kulturelle Geschehen in der Stadt der Alpen geprägt hat wie kein anderer, der im Mokka ein wunderbares Paralleluniversum aufgebaut hat und dort mehreren Generationen von Berner Oberländer Teenies, Ausgehfreudigen und Musikversessenen ein zweites Zuhause geboten hat, hat die Bühne verlassen.

Er konnte eine unbequeme, streitlustige und aufbrausende Diva sein, die einem aus dem Nichts heraus gehörig zusammenstauchte und dabei mit stahlblauen Augen zornig niederstarrte, der MC Anliker. Er war der Schreck der trägen Bürokratie-Behörde, er kratzte gerne und oft am Amtsschimmel und war gerade deswegen unendlich wichtig für die Kulturszene. Er war aber auch ein geselliger und lustiger Gastgeber, der nicht nur seine musikalischen Gäste selber bekochte, sondern in seiner ureigenen Art gerne auch einen ganzen Abend lang höchst vergnügliche Anekdoten zum besten gab.

Nein, er habe sich noch nicht überlegt, wie es mit dem Mokka dereinst weitergehen werde, weil ihm stehe der Sinn auch nach 30 Jahren Teenagerhüten und 3700 veranstalteten Konzerten nicht nach aufhören, sagte der werte MC noch vor einem Monat. Nun ist es doch anders gekommen. Lieber Bädu, lass es dir gut ergehen, wo auch immer du jetzt sein magst. Sei ein Querkopf, geh Petrus ordentlich auf den Sack und gönn dir ab und an einen Whisky mit Lemmy. Ich bin fassungslos und unendlich traurig. Das Leben ist manchmal ein Arschloch. Und Musik ist scheisse ohne dich.

Das KultuRadar-Porträt über Bädu Anliker vom 15. September 2016:

«Hey Wichsers»

«Hey Wichsers» ist ein denkbar schlechter Titel für einen Blog und wird Frau Feuz ganz bestimmt Scherereien mit dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten einhandeln. Aber andererseits ist es uns Kultur-Schreiberlingen ja auch ein Anliegen, Sie, werte Leserschaft, bezüglich Meisterwerke der Hochkultur auf dem Laufenden zu halten und dazu gehört eben auch ein soeben herausgekommenes musikalische Erzeugnis mit dem klingenden Titel «Hey Wichsers». Gibt es einen besseren Namen für eine Garagen-Punkrockplatte? Mal eben schnell im Wortfächer «Flüech & Schlämperlige» Alternativen nachgeschlagen. Anbieten würde sich allenfalls «Hey Mürggle», «Hey Tuble», «Hey Gigle», «Hey Süchle» oder «Hey Möffe». Alles gut und recht, hat aber nicht die gleiche Tiefe, Dringlichkeit und Prägnanz, da gehen Sie mit mir einige, werte Leserschaft, nicht?

Mit «Hey Wichsers» meldet sich der St. Galler Kultbarde Jack Stoiker zurück. Der macht jetzt nämlich unter dem Namen Knöppel Garagen-Punkrock nach dem Motto: weniger Riffs, mehr laut. Zotig, derb und hintergründig-komisch werden hier in breitestem St.Galler-Deutsch die relevanten Themen des Weltgeschehens abgehandelt wie etwa König Fussball, Shopping, Arztbesuch («Hend weg vo mim Sack») oder prekläre Machtverhältnisse am Arbeitsplatz («Scheff»). Ein astreines Konzeptalbum hat der Herr Stoiker da mit seinem Männertrio gebastelt, wobei das Konzept darin besteht, dass in jedem Song mindestens einmal das Wort «Wichser» vorkommen muss. Sie finden das primitiv und ordinär? Kindisch und unreif? JA UND?! Genau das richtige für einen Montag, oder etwa nicht?! Bob Dylan war gestern, the future is Knöppel, ihr Wichsers!

«Hey Wichsers» ist seit drei Tagen im Handel erhältlich, Knöppel werden ihr Meisterwerk am 18.11. im Helsinki taufen und irgendwann Anfang nächstes Jahr nach Bern kommen. Mehr zum Wortfächer «Flüech & Schlämperlige», mit dem es sich wunderbarst Berndeutsch fluchen lässt, gibt’s hier.

Norwegisches Nachtschattengewächs

Der ehemalige Madrugada-Frontmann Sivert Høyem kommt mit seinem sechsten Soloalbum «Lioness» auf Besuch, das weicher und leichter klingt als seine Vorgänger. Aber nur ein wenig.
sivert

Seine Stimme wurde auch schon als Norwegens wichtigstes Exportgut bezeichnet, ist der Bariton des Sivert Høyem doch von bestechender Samtigkeit, betörend kraftvoll und dunkel. Der 40-jährige Norweger machte sich ab 1999 als Frontmann der alternativen Rock-Kombo Madrugada einen Namen, welche der elegischen, bluesbasierten Variante der Stormgitarrenmusik zugetan war. Das tragische Ableben von Gitarrero Robert Burås – vermutete Todesursache Suizid – bedeutete auch das Ende für Madrugada: 2008 kam das letzte Studioalbum heraus, und im November des gleichen Jahres spielte die Band ihr letztes Konzert. Seitdem ist Sivert Høyem als Solokünstler unterwegs und hat im Februar sein sechstes Album, «Lioness», herausgegeben.

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KultuRadar #33

In der 33. Ausgabe des KultuRadars spricht der norwegische Sänger Sivert Høyem über sein neues Album «Lioness», die Theater-Gruppe Peng! Palast sorgt mit ihrem komödiantischen Dokumentarfilm «The Holycoaster (S)hit Cirucus» für Wirklichkeitsverwirrung und fühlt Vorurteilen auf den Zahn und Traktorkestar spannen für «Lost Boy & Suicide Girl» mit Kummerbube Simon Jäggi zusammen. Ausserdem: Splätterlitheater, «Beasts of the Southern Wild«» im Kino Reitschule, Mouthwatering Records Label-Geburtstag und Len Sander.

Traktor-Kummerbube

Wenn es so wunderbar poetisch tötelt, wie in der Zusammenarbeit der 12-köpfigen Brass-Truppe Traktorkestar mit dem Frontmann der Kummerbuben Simon Jäggi, dann beschäftigt man sich plötzlich richtig gerne mit dem Sensemann. «Lost Boy & Suicide Girl» heisst die Singel, in der Kummerbube Jäggi das tut, was er am besten kann: Outsider und Underdogs besingen, die für ein Leben ausserhalb Nimmerland nicht gemacht sind. Einen berührenden Text über die Zerstörungskraft der Liebe und über fragile Seelen hat er da gedichtet, dieser Herr Jäggi. Wir lernen: 1. Kleidi Eski macht tolle Videos. 2. Das Glück ist eine unzuverlässige Lotterliese und 3. Traktorkestar mit Jäggi, das ist richtig richtig gut und will man in Endlosschlaufe hören. Dafür müssen Sie hier klicken. Youtube ist nämlich auch grad eine Lotterliese und will sich nicht einbetten lassen.

traktor

«Holycoaster (S)hit Circus»

Dennis Schwabenland und Sascha Engel haben mit «The Holycoaster S(hit) Circus» einen Dokumentarfilm produziert, in welchem die Grenzen zwischen Realität und Spiel verwischen.
holycoaster

Ein Projekt über Helden solls werden. Die Dreierschaft der Theatergruppe Peng! Palast (Dennis Schwabenland, Benjamin Spinnler und Christoph Keller) tut sich allerdings schwer mit dem Ideensammeln.

Beim Brainstorming offenbart der gebürtige Deutsche Dennis Schwabenland, dass sein Grossvater Karl Otto Koch gewesen sei, deutscher SS-Führer und Lagerkommandant in verschiedenen Konzentrationslagern. Das müsse unbedingt ins Stück mit rein, finden die anderen zwei, denn schliesslich gebe es nichts Tolleres für autobiografisches Theater, als wenn man eine Leiche im Keller habe.

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Moralisches Mittelmeer-Dilemma

Künstlerisches Schaffen ist immer auch ein Spiegel desjenigen, was gesellschaftspolitisch gerade in der Welt passiert. So erstaunt es nicht, dass sich viele der rund 180 Filme, welche bei der diesjährigen Ausgabe des Kurzfilmfestivals Shnit zu sehen waren, mit dem physischen Grenzübertritt beschäftigten, zumal das Shnit ja auch unter dem Jahresthema «Crossing Borders» stand. Gestern Abend ging die 14. Ausgabe von Shnit zu Ende, der Flaming Faun – also der Oscar für Kurzfilme – im Schweizer Wettbewerb ging an das rund 25-minütige Drama «Bon Voyage» von Marc Wilkins.

In «Bon Voyage» kreuzt das Ehepaar Jonas und Silvia auf einer Yacht durchs Mittelmeer; die Idylle scheint perfekt, der Blick über das weite Wasser ist atemberaubend, die Fische beissen und am Heck des Bootes flattert lustig ein Schweizerfähnchen im Wind. Des Nachts allerdings taucht plötzlich etwas auf dem Radar auf, das da nicht sein sollte. Beim Näherkommen erkennt das Ehepaar ein Boot, welches komplett mit Flüchtlingen überladen ist. Was tun? Werden alle Flüchtlinge aufs eigene Boot geholt, droht dieses zu kentern. Ausserdem ist die Gesetzeslage klar: wer im Mittelmeer illegal Leute aufnimmt, macht sich strafbar und muss mit bis zu 10 Jahren Gefängnis rechnen. In der ersten Schrecksekunde fahren Jonas und Silvia einfach am Boot in Seenot vorbei. Später allerdings drückt das schlechte Gewissen, eine Kehrtwende wird eingeleitet. Als die beiden am nächsten Morgen die Stelle wieder finden, treiben viele der Flüchtlinge tot im Wasser, deren Kahn ist offenbar gekentert.

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KultuRadar #32

In der 32. Ausgabe des KultuRadars wird OKRA vorgestellt, das Berner Duo bestehend aus Klangkünstler Robert Aeberhard (Trummer, Fitzgerald & Rimini) und Pianist Oli Kuster (Astronauten, AEIOU, Melker), welches Fieldrecordings mit Klavierklängen kombiniert. Zudem sprechen Schauspieler Stefan Gubser und Produzent Joel Jent über die Dreharbeiten von Marc Wilkins‘ Drama «Bon Voyage», welches beim Kurzfilmfestival Shnit Europa- und Schweizerpremiere feiert. Mit Jessiquoi, Helldorado, Eiger und Cabaret Luna Noire.

Fliegengebrumme in Traumwelten

Klangtüftler Robert Aeberhard und Pianist Oli Kuster haben das Projekt OKRA ins Leben gerufen, ein Duo für Geräusche und Klavier.
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Eines seiner Lieblingsgeräusche sei auf einem Vulkan in Island entstanden: «Dort hat der Wind auf eine ganz bestimmte Weise in ein Rohr geblasen.» Klar doch, er habe immer ein Aufnahmegerät dabei, weil manchmal würde man ja ganz unverhofft auf unerwartete Geräusche stossen und dann müsse man natürlich parat sein. Willkommen in der Welt von Robert Aeberhard, seines Zeichens zuständig für die Elektronika-Abteilung beim Spoken-Word-Duo Fitzgerald & Rimini, Bassist bei Trummer und Besitzer einer Geräuschebibliothek, welche «weis nid wie viu» Gigabite umfasst. Zusammen mit Produzent und Pianist Oli Kuster, der mit einer Vielzahl von Formationen verbandelt ist – etwa Astronauten, Aeiou, Melker und Züri West – hat Aeberhard nun das Projekt Okra ins Leben gerufen, ein Duo für Klavier und Geräusche.

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