Monthly Archives: January 2016

Fachkundiges Zugrunderichten

Bei Filmdrehs in Finnland gibt es die Tradition, dass bei jeder 100. Klappe eine Runde Schnaps getrunken wird. Ja, auch wenn es 9 Uhr morgens ist. Das erstaunt an und für sich noch nicht, denn dass die schweigsamen Nordlichter Feuerwasser nicht abgeneigt sind, weiss jedes Kind. Zumindest jedes vernünftige Kind. Was allerdings erstaunt – oder dann auch wieder nicht, sind ja Finnen – ist die Tatsache, dass bei dieser Tradition darauf bestanden wird, den übelstmöglichen Fusel überhaupt zu trinken: Jaloviina oder kurz Jallu, was übersetzt so viel heisst wie «nobler Likör». Ahahaa, guter Scherz.

Jallu ist eine Mischung aus schlechtem französischen Cognac und Wodka, die es ursprünglich in drei Qualitätsgraden gab: 1-Stern, 2-Stern und 3-Stern, wobei der Grad der Trinkbarkeit analog der Sterne abnimmt und man beim Konsum von 1-Stern-Jallu nicht nur um sein Augenlicht, sondern auch um sämtliche Zungen-Nerven fürchten muss. Von Hirnzellen und Verstand reden wir gar nicht erst.

jallu

Wer in der Kreativ-Abteilung etwas auf sich hält, trinkt die 1-Stern-Variante.

Die Legende besagt, dass die Jallo-Fabrikanten vor ein paar Jahren die Produktion der niederqualitätigen 1-Stern- und 2-Stern-Variante einstellen wollten.
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Einen Tequila auf den Tod

Die Happy End Company lädt im Schlachthaus-Theater mit «Days of the Dead» zur Totenzeremonie und verquickt dabei Mythen und theologische Versatzstücke zu einer schrillen, multidisziplinären Performance.

«Wir haben das gleiche Schicksal wie eine Möhre. Wir wissen nur nicht, von wem wir verdaut werden», sagt Annika Meier und schnippelt dabei burschikos eine Rübe in Stücke. Ein derart salopper Umgang mit der Sterblichkeit ist in unserer Gesellschaft ungewohnt, wird doch alles, was mit Lebensabend und Tod zusammenhängt, gerne verdrängt. Genau diesen Gevatter Tod aber nimmt sich das Künstlerkollektiv Happy End Company in «Days of the Dead» zur Brust. Inspiriert durch den mexikanischen Feiertag Día de Muertos, bei welchem tanzend, trinkend und farbenfroh der Toten gedacht wird, zeigen die Spielenden eine multidisziplinäre Performance, die Tod, Jenseitsvorstellungen, kulturelle Riten und Mythen, aber auch den ganz persönlichen Umgang mit Sterblichkeit aufs Korn nimmt.

Bild: Yoshiko Kusano

«Goodbye Lovers and Friends», singt Noemi Steffen draussen vor dem Schlachthaus-Theater in klirrender Kälte zum Auftakt der Theater-Odyssee und erklärt weiter, dass sie ihrer aufgebahrten Grossmama heimlich Geld zugesteckt habe für die Reise über den Styx.
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Oi, ihr Popper, schlegle?!

Und? Haben Sie sich wieder versöhnt? Jetzt tun Sie nicht so, Sie wissen doch genau, was ich meine. Feiertage. Familie und so. Oder gehören Sie und Ihre Sippe tatsächlich zu den 0,1 Prozent, welche Familienzusammenkünfte ohne Zettermordio, blaues Auge und blutige Nase überstehen? Wie langweilig.

Den Berner Indie-Pop-Epikern Pablo Polar ist es ja im 2015 ganz prima ergangen. Album #3 namens «Colorize» war nicht nur in der Schweizer Hitparade in den Top 20 anzutreffen, sondern wurde auch im polnischen Radio rauf und runter gespielt. Warum Polen? Was weiss ich?! Was «schlechte Recherche»? Ey, pöbeln? Eins auf die Schnauze? Aufpassen, weil die Feuz ist definitiv noch im Familienzusammenkunft-Massenschlägerei-Modus. Pablo Polar offensichtlich auch. Ich schau glaub’s bei denen mal im Übungsraum vorbei. Oi, ihr Popper, schlegle?!

«Family History», das etwas andere Familienfest in den 20er-Jahren, ist der zweite Videoclip (Umsetzung Fabrice Rossel) von Pablo Polars «Colorize». Zu sehen sind die Herren am 23.01. in der Grabenhalle St. Gallen, am 11.03. im Werkk Baden, am 12.03. im Improvisorium Huttwil und am 27.05. im Westside Bern.

«Kill your friends»

Mojo, stardust, happy dust, nose candy, joy powder – wenn der Artists & Repertoire-Mitarbeiter eines Londoner Musiklabels Steven Stelfox (Nicholas Hoult) nervös wird, zählt er innerlich alle Synoyme für Koks auf, die er kennt. Das sind so einige, was wiederum einiges über Stelfox aussagt. Dieser interessiert sich nämlich einen Dreck für seine eigentliche Arbeit, das Entdecken und Promoten von Bands, sondern frönt lieber dem puren, deliriösen Hedonismus.

Wir befinden uns im England der 90er-Jahre, also in der Cool-Britannia-Ära am Höhepunkt der Britpop-Welle, als der Musikmarkt noch richtig blühte, Labels 100’000 Pfund Vorschuss für eine Single zahlten und A&R Directors gottgleichen Status hatten. Den beansprucht auch der aalglatte Stelfox für sich, der nicht nur Allmachtsphantasien hegt und ständig randvoll mit irgendwelchen Drogen ist, sondern auch skrupellos seine Freunde umlegt, wenn ihm diese in seine Karrierenplanung reinfunken.
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