Monthly Archives: November 2015

«Marvin Gaye ist ein Gott»

Ein reines Spassding sei es gewesen, dann habe sich der «Cheib» im Netz selbständig gemacht und nun habe tatsächlich Universal Music angerufen. «Ich werde Millioooooonen verdienen!! Besuch mich in meiner Hacienda auf Ibiza, Baby!!», so die nicht ganz ernst gemeinte E-Mail-Ankündigung des Berner Musikers und Produzenten Simon Baumann. Dass er kaum Geldberge mit seinem Remix des Marvin-Gaye-Klassikers «Sunny» scheffeln dürfte, ist ihm sehr wohl bewusst. Aber darum geht es Baumann auch gar nicht. «Es ist extrem ok, dass ich bei diesem Universal-Deal wahrscheinlich derjenige bin, der am wenigsten verdient. Marvin Gaye ist ein Gott für mich und ich fände es falsch, wenn ich mit einem seiner Songs Kohle machen würde. Das schöne ist aber, dass ‘Sunny’ nun wieder mehr gespielt wird.»

Baumon 37

Baumann hoch hinaus. Foto: Tom Etter

Entstanden ist der Sunny-Remix vor zwei Jahren, als Baumann regelmässig als Teil des DJ-Duos Mercury quer durch die europäischen Clubs tingelte. Am Schluss der house- und technolastigen Sets habe er immer gerne eine Nummer eines komplett anderen Genres aus dem Plattenkoffer geklaubt und so sei er überhaupt erst auf die Idee gekommen, einen Klassiker zu pimpen. Der Marvin-Gaye-Remix fand seinen Weg ins Netz, wo er auf verschiedenen Plattformen über drei Millionen mal gespielt wurde. Eines Tages ploppte dann eine Nachricht in Baumanns elektronischen Briefkasten, Absender waren die Produzenten der Kult-Serie «Breaking Bad», welche seinen Remix für ihre neue Serie «Ray Donovan» gebrauchen wollten. Aus rechtlichen Gründen produzierte Baumann dann aber «nur» den Song-Teppich, worüber die Schauspieler selber sangen. In der Serie wurde also eine Cover-Version verwendet, auf welche dann aber wiederum die Leute bei Universal Music America aufmerksam wurden. Für das grösste Label der Welt war es dann offenbar kein Problem mehr, die Rechte an Marvin Gayes Stimme zu bekommen und so findet sich nun Baumanns bzw. Baumons originaler Remix auf dem Sampler «Remix the Classics, Vol. 1» wieder.

Continue reading

Bizarres Musikgenre Teil 21: Sakuhachi Pop

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Shakuhachi Pop.

Obwohl er bereits seit 6 Jahre den Blümlein von unten beim Wachsen zusieht, ist seine Popularität ungebrochen, denn für viele war und ist er der einzig wahre King of Pop. Die Rede ist natürlich von *u-hu-in-den-schritt-greif* Michael Jackson. 51 Jahre jung verstorben, 10 Alben und unzählige Nummer 1 Platzierungen schwer, gehören seine Songs zu den am meisten gecoverten, wobei so ziemlich jedes Genre vertreten ist, das man sich vorstellen kann. Nun kommt auch noch eine fernöstliche Adaption dazu, von der man im ersten Moment nicht denken würde, dass sie funktioniert.

Die Ladies von 523 Koibumi covern Smooth Criminal und bringend dabei das Raum-Zeit-Kontinuum ordentlich durcheinander, denn der Jacksons-Heuler aus dem Jahre 1987 wird auf traditionellen japanischen Instrumenten aus dem 15. Jahrhundert angestimmt. Dazu gehören Shakuhachi (eine japanische Bambuslängsflöte mit gerade mal vier Löchern) und Koto (eine mit 13 Saiten bespannte Wölbbrettzither). Wie das klingt? Grossartig. Die Ladies an den Zithern nicken denn auch ordentlich ab. Zumindest für japanische Verhältnisse. Aber schauen Sie doch selber:

Augenweide & Eselpisse

Es war gestern Abend im Rössli eine Freude, den Herren Blind Butcher beim Verrichten ihres Handwerks zu lauschen, zumal es ja durchaus erstaunlich ist, was das Luzerner Duo aus gerade mal zwei Instrumenten (ok, und einem Drum Pad) rausholt. Gitarrist Christian Aregger und Schlagzeuger Roland Bucher sind halt einfach auch tami gute Musiker, die ihre Instrumente einwandfrei und mit äusserster Präzision zu bedienen wissen. Musikalisch fabrizieren Blind Butcher eine schwer einordenbare Mischung aus Hi-Speed-Country, Sludge-Techno und Elektro-Rock und legen einen Druck und Zug an den Tag, dass es eine wahre Freude ist. Das sind im Übrigen auch die Outfits der Herren. Der Gitarrist hatte sich gestern in einen hautengen Einteiler gezwängt, der mit seinem dunkelroten Schimmer an eine Weihnachtsbaumkugel erinnerte – wobei man aufgrund von Herrn Areggers Posture wohl eher von einer Weihnachtsbaumstabheuschrecke sprechen müsste. Der Herr Schlagzeuger trug derweilen ein neckisches Glitzerjäcken und Leggins, die bei längerfristiger Betrachtung garantiert Augenkrebs verursachen.

FullSizeRender

Nach Blind Butcher hätte man dann eigentlich getrost nach Hause gehen können, denn was die Herren von The Computers im Rössli anstellten, war, mit Verlaub, unter aller Kanone.
Continue reading

Blaues Pferdi vs. knallharter Hund

Ab heute Abend sind wir mit «Happy» wieder auf Comiclesung. Wir, das sind Manuel Kühne, Romeo Meyer und Frau Feuz und «Happy» ist eine Graphic Novel von Morrison/Robertson, in der der gefallene Ex-Cop und knallharte Hund Nick Sacks auf ein hellblaues Pferd namens Happy trifft. Was eine Comic-Lesung ist? Wir füllen nicht nur die Sprechblasen mit verschiedenen Stimmen und Dialekten live, sondern steuern auch sonst allerlei handgemacht Geräusche bei, um Figuren und Geschichte zum Leben zu erwecken. Eine Lesung der speziellen Sorte also, die defnitiv nicht nur für Fans von Comics funktioniert! Hier geht’s zur Kostprobe.

happy

«Happy» mit Manuel Kühne, Romeo Meyer und Frau Feuz, Regie Gisela Nyfeler, Kamera und Animation Adrian Perez. 21.11.15 Madeleine Luzern, 3.12.15 Palace St. Gallen, 2.4.16 Tojo Reitschule Bern

Kuba Caliente vs. Zürcher Hardcore

Es ist eine seltsame Mischung, die zur Zeit aus Johannes Hartmanns Wirkungsstätte gleich neben Frau Feuz’ Schreibwerkstatt erklingt: mal tuten lebensfrohe Cumbia-Bläser in ihre Trompeten, dann wieder dröhnen verzerrte Gitarren und Urschreie aus der Schnittkammer des Berner Filmemachers. Die Affiche lautet Caliente vs. Hardcore oder Kuba vs. Vale Tudo.

VT Tour Diaries Cuba 2015 – Episode 2 from Decoy Collective on Vimeo.

Bereits vor zwei Jahren haben sich die vier Hardcore Heavyweights aus Züri eine ungewöhnliche Destination für eine Konzertournee ausgesucht: Marokko. Mit im Gepäck hatten sie damals den Berner Filmemacher Johannes Hartmann, der über das Abenteuer in Nordafrika einen Dokumentarfilm drehte (KSB hat hier darüber berichtet). Nun hat sich Hartmann wieder mit der illusteren Truppe in einen Flieger gesetzt, dieses mal mit Destination Kuba, wo die Mannen acht Shows zu spielen gedachten.

Continue reading

Bürgermeisterliche Euphorie

Die Postrocker von Caspian werden zu Hause wie Helden gefeiert. Zu recht. Denn auf ihrem vierten Album demonstriert die Sechserschaft aus Massachusetts, dass ihr Genre noch nicht dem Tod geweiht ist.

Im grossräumigen Amerika darf Beverly mit seinen 40’000 Einwohnern durchaus als Nest bezeichnet werden. Ein Nest, über welches ein musikvernarrter Bürgermeister wacht. Nicht anders ist zu erklären, mit welcher Euphorie Michael P. Cahill, seines Zeichens Ammann von Beverly, den 18. Oktober 2014 zum offiziellen Caspian-Day ausrief und der gleichnamigen Sechserformation mit offizieller Proklamation überschwänglich zum 10-jährigen Geburtstag gratulierte. Caspian mache fantastische Musik und dass Beverly deren Heimatstadt sei, erfülle die Gemeinschaft des Städtchens nördlich von Boston mit grossem Stolz.Caspian-day
Das öffentliche Sympathiebekenntnis ist insofern doppelt beachtlich, als dass Caspian nicht unbedingt der massentauglichen Spielart von Rock zugetan sind.

Continue reading

«Phil Collins isch ä richtige Grüsu»

Gerade mal 20 Monate nach Veröffentlichung der ersten Platte werfen BUBI EIFACH bereits ihren Zweitling #2 auf den Markt. Zack Päng. Dabei knüpfen die vier Mannen nahtlos an das Erstlingswerk an, spielen sich doch ihren Mundartrock immer noch sympathisch schnörkellos.

Der «Schnursiech mit Härz» Frontmann Bubi Rufener (Bishop’s Daughers, Allschwil Posse, Boop) ist in Bern bekannt wie ein bunter Hund. Und der Mannschaft an der Gerätschaft – Gere Stäuble (Züri West), Oli Hartung (Stop the Shoppers, Hank Shizzoe) und Ere Gerber (Gus MacGregor) – braucht man definitiv auch nicht zu erklären, wie der Rock’n’Roll-Hase hoppelt. Im Interview beim Berner Kulturradio RaBe berichtet Rufener darüber, wie BUBI EIFACH als Band zusammengerückt ist, outet sich als Phil-Collins-Hasser, erklärt weiter, warum ein Song der Aeronauten eigentlich vor jedem Konzert von BUBI EIFACH als Intro laufen sollte und weiss im Musik-Quiz mehr als Frau Feuz, dä Souhung! Das ganze Interview können Sie hier nachhören. Oder sie können natürlich auch zuerst mal eins Bowlen gehen mit den Spanuftis:

BUBI EIFACH taufen ihre Platte #2 diesen Freitag 20.11. im Mokka.
Und alle Fans von Revolting Allschwil Posse aufgepasst: Horny und Folio werden bald wieder in Erscheinung treten, wenn auch in etwas anderer Art.

Saunieren & Headbangen

Dass Frau Feuz eine Schwäche für die wortkargen Nordlichter hat, ist ein offenes Geheimnis. Es gibt nichts Anstrengenderes, als an einem Tisch mit 30 exaltierten Südländern zu sitzen, die einem mit 120 Dezibel ihre überbordende Lebensfreude unter die Nase reiben. Dann lieber an einem heruntergekommenem Bartresen vorsichhineinsamen und drei Stunden lang in einen Bierschaum oder noch besser: in eine Wodkaflasche starren. Sie mögen es tragisch nennen, ich nenne es kontemplativ.

Meister der Kontemplation sind ja die Finnen und entsprechend naheliegend ist es, dass die blonden Bäumstämme jede Art von Konversation vorziehen, die nicht verbaler Natur ist. Drum ist Finnland auch das erste Land, welches nationale Emojis konzipiert hat. Ab dem ersten Dezember wird täglich ein neues in einem digitalen Adventskalender veröffentlicht, wobei die ersten drei «typisch finnischen» Emojis schon vorgängig bekannt gegeben wurden: saunieren, headbangen und ein Nokia-Telefon. Mann muss sie einfach mögen, diese Finnen.
emojis

Vorzüglich geschwiegen wird zur Zeit auch auf der Leinwand des Kino Rex, denn dort werden noch bis Ende November die Meisterwerke des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki gezeigt. «I hired a contract Killer» mit Joe Strummer gestern Abend war bestechend, die Spätvorstellungen am Freitag und Samstag mit den Leningrad Cowboys werden es bestimmt auch sein. Das ganze Programm zur Filmreihe gibt’s hier und das passende Finnengedeck – Räucherforellen-Schnitte mit Wodka-Shot – an der Rex-Bar.

Mikrokosmos Hotel

Der Club 111 lässt unterschiedlichste Charakter in einem Hotel aufeinanderprallen und montiert geschickt absurd-komische Handlungsstränge zu einem Kaleidoskop an Schicksalen.

kosmos

Bild: Yoshiko Kusano

Menschen unterschiedlichster Couleur treffen in Hotels aufeinander und das ist auch im Hotel Kosmos nicht anders. Der Club 111 hat für sein gleichnamiges Stück kurzerhand das Schlachthaus-Theater in eine Herberge umgewandelt, wobei das Publikum Zeuge einer Nacht in dieser Gaststätte wird, wo sich Schicksale von Hotelgästen und Angestellten kreuzen.

Es ist fürwahr eine illustere Truppe, die sich da zusammengefunden hat. Da wäre zum einen der türkische Rezeptionist und Schürzenjäger (Semih Yavsaner), der «Weiberheld gefangen in den Krallen der Libido», der glaubt, Ausländer könnten nicht schwul sein. Dann ist da die impulsive Stand-up-Komödiantin aus London (Ntando Cele), die findet, alle Südländer sähen gleich aus. Weiter versucht ein «Jugo» (Dominik Gisin) ein zwielichtiges Geschäft über die Bühne zu bringen, der deutsche, steinreiche Chef einer Hotelkette (Michael Rath) füllt die Besitzerin des Cosmos (Meret Matter) ab, weil er ihr das Hotel abschwatzen will, während die Geschäftsführerin mit italienischen Wurzeln (Grazia Pergoletti) den ganzen verrückten Haufen unter Kontrolle zu halten versucht.
Continue reading

Flaneur und Aktmodell

Er war kein Held, der für seine Sache kämpfte, sondern ein Frei- und Feingeist, der mit Leichtigkeit durchs Leben flanierte und stets neugierig auf und offen für dasjenige war, was da noch kommen möge. Getauft worden war er auf den Namen Alfred Jonathan Steffen, aber «Bob» passte besser zu diesem Mann mit Jahrgang 1928, welcher in der Berner Künstler-Szene lange Zeit bekannt war wie ein bunter Hund und in den 40er-Jahren für das weltweit einzige Schwulenmagazin «Der Kreis» posierte. Im Kornhausforum ist seit gestern die Ausstellung «Bob le Flaneur» zu sehen, welche das Leben des Weltenbummlers und Paradiesvogels genauer beleuchtet und somit auch ein unerzähltes Stück Berner Geschichte aufrollt.

bob

Bob Steffen Aktfotografie für die Zeitschrift Der Kreis. Bild: Verein Bob le Flaneur

Mehr zu Bob le Flaneur hier:
Continue reading