Monthly Archives: October 2015

Bizarre Musikgenres Teil 20

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Kawaiicore.

Kawaii ist ursprünglich ein japanischer Ausdruck, der sich mit «liebenswert» oder «niedlich» übersetzen lässt. Mittlerweile steht Kawaii aber auch für ein ästhetisches Konzept, in welchem Unschuld und Kindlichkeit betont werden und das sich in alle Bereiche der japanischen Gesellschaft ausgedehnt hat. Was einst ausschliesslich Teenie-Mädchen begeisterte, wird heute auch bei staatlichen Veröffentlichungen, Warnungen oder gar Werbungen fürs Militär verwendet und ist natürlich auch in der Pop-Kultur omnipräsent. So setzen sich typisch japanische Pop-Gruppen oft aus mehreren Kawaii zusammen, also kindlich kostümierten Teenagern, die zu schwungvoller Musik rumturnen.

Ein Kawaii der etwas anderen Art ist ein Herr namens Ladybeard, der früher als professioneller Wrestler durch die Lande tingelte und sich nun in einem Trio namens Ladybaby als Frontmann austobt. Er sei ein grosser Freund von Heavy Metal und Techno-Pop und Kawaiicore gebe ihm die Möglichkeit, seine beiden Passionen zu vereinen, liess Herr Ladybeard letztes Jahr in eine Interview verlauten. Und weiter: «I try to look as pretty as possible while doing so». Nun ja. Schönheit soll ja bekanntlich im Auge des Betrachters liegen. Aber entscheiden Sie doch selber. Hier sind Ladybaby mit «Nippon Manju», in dem alle Dinge besungen werden, welche die drei toll finden an Japan. Für Sie, werte Leserschaft, exklusiv in der Karaoke-Version zum Misingen. Video ab:

Mutter Natur unter dem Scanner

«Einfach mal wieder genau hinschauen, was uns eigentlich umgibt.» Till Könnekers Ansatz für seine Werkserie «Close Encounters» klingt bestechend einfach, tatsächlich aber nimmt er damit Bezug auf eines der Kernmankos unserer Zeit: Wir schauen nicht mehr richtig hin. Könneker hat dies in seinen Bildern umso mehr getan und die Natur im wahrsten Sinne des Wortes gescannt. Dafür hat der 35-Jährige Berner einen Scanner auf den Kopf gestellt, vor dem eigenen Atelier ins Gras gepflanzt und abgelichtet, was da eben war: Samen, Grashalme, Steinchen, Blätter, Äste, Triebe, Sprossen, Regenwürmer. Durch diese Technik sind die Aufnahmen nicht nur bis ins kleinste Detail scharf, so dass sich selbst die Härchen von Pflanzenstängeln erkennen lassen, sondern aufgrund der langen Aufnahmezeit ergibt sich auch eine ganz eigene Fehler-Ästhetik, etwa wenn sich Kollege Regenwurm auf die Flucht begibt, weil er von der Scanner-Platte flachgedrück wird.
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In Könnekers grossformatige, kaleidskopartige Bilder kann man sich stundenlang versenken, weil sich immer wieder neue Details, Formen und Konstellationen entdecken lassen. Schade bloss, merkt man erst in einer Galerie, wie wohltuend es doch eigentlich wäre, Mutter Natur wieder einmal genau unter die Lupe zu nehmen.

«Close Encounters» wird noch bis am Samstag 24. Oktober in der Soon Galerie gezeigt.

Hank Shizzoe bei RaBe 95,6MHz

birdsKein Geringerer als der beste Roots-Rock-Songwriter ausserhalb Amerikas sei er, hat das renommierte Musikmagazin Rolling Stones einst über Hank Shizzoe verlauten lassen. Der 49-jährige Wahlberner mit Zürcher Wurzeln spricht im Interview auf Radio Bern über sein 14. Album «This Place Belongs To The Birds», erklärt dabei, wie es zu diesem «Ornithologen-Album» kam, warum dieses abgespeckter und folkiger daherkommt als die Vorgänger und schneidet ganz nebenbei im Vogel-Quiz mit Bestnote ab. Das Interview kann hier nachgehört werden.

Das Heft selber in die Hand nehmen

standortstrasse«Menschen in Not nehmen das Heft in die Hand», so der Untertitel des Buches «Standort Strasse», welches der Verein Surprise soeben herausgegeben hat. Seit 18 Jahren unterstützt der unabhängige Verein Menschen aus sozial und finanziell schwierigen Situationen, wobei der Verkauf des Suprise Strassenmagazins zur Hauptaktivität gehört. Insgesamt 360 Personen verkaufen in der Schweiz besagtes Magazin, welches alle zwei Wochen in einer Auflage von 17’000 Stück erscheint. In «Standort Strasse» finden sich 20 aktuelle und einige ältere Porträts (Aufzeichnung Olivier Joliat, Bilder Matthias Willi), welche einen Einblick gewähren, wer denn diese Surprise-Verkaufenden sind und welche Lebensgeschichten sie zu erzählen haben.

Bei der Lektüre von «Standort Strasse» wird schnell einmal klar: Keiner ist davor gefeit, sich plötzlich am Rande der Gesellschaft wieder zu finden. Da ist zum Beispiel die 72-jährige Rentnerin, welche mit den AHV-Beiträgen alleine schlichtweg nicht über die Runden kommt, der Radrennfahrer aus Eritrea, der vor dem Krieg in seiner Heimat in die Schweiz flüchten musste, der ehemalige Verdingbub mit Leukämie-Diagnose oder der einstige Elite-Junior des HC Davos, der plötzlich für seine schwangere Mutter und seine Schwester zu sorgen hatte. Schicksalsschläge, körperliche oder psychische Versehrtheit, Krankheit, Sucht oder Migrationshintergrund sind Faktoren, welche ein Bestehen in unserer neoliberalen Leistungsgesellschaft erschweren oder gar verunmöglichen und somit in den sozialen Abstieg führen können.
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Die tamilische Diaspora in der Vorurteilskiste

Mit Humor gegen Klischees: die dokumentarische Performance «The Camouflage Project» im Schlachthaus Theater.

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Foto © Miriam Haltiner

Auf der ganzen Welt gibt es eine Million Tamilen, die nicht in Sri Lanka leben, in der Schweiz sind es etwa deren 50’000. Viele der ehemaligen Flüchtlinge aus den 80er-Jahren werden bald pensioniert, ihre Kinder kamen in jungen Jahren ins Land oder wurden hier geboren. So auch die beiden Theatermachenden Gayathri Sritharan und Patrick B. Yogarajan, welche in «The Camouflage Project» (Regie: Ute Sengebusch) Aspekte verhandeln, mit welchen Menschen mit Wurzeln in anderen Kulturen tagtäglich konfrontiert werden. Mit viel Humor thematisieren die 22-jährige Sritharan und der 35-jährige Yogarajan Klischees, welche gegenüber der tamilischen Diaspora bestehen, ergründen dabei die Natur von Vorurteilen und zeigen auf, dass jeder Mensch doch eigentlich in eine ganze Menge von verschiedenen Vorurteilskisten gepackt werden kann. Im Fall von Gaya und Patrick – die beiden Schauspieler spielen in «The Camouflage Project» sich selber – stehen da nicht nur die tamilische, sondern auch die der Migranten, der Gebildeten, der «Jungen», der Frauen, der Kunstschaffenden und zahlreiche weitere zur Verfügung.

Mehr zu «The Camouflage Project» hier:
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3x Strophe und Hey-Baby-Refrain

Robert Butler vollführt mit seiner Band The Shit ungeschliffenen Garage-Rock nach dem Humor-Prinzip.

Schalk blitzt in seinen Augen, wenn er Geschichten erzählt und ausgiebig über sein Lieblingsthema referiert: den Rock ’n’ Roll der 50er- und 60er-Jahre. Der gebürtige Amerikaner Robert Butler ist ein unterhaltsamer Geselle, in der Berner Musikszene bekannt wie ein bunter Hund und generell in der Kreativ-Abteilung zu Hause.

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Mehr zu Robert Butler und The Shit hier:
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Kurzfilm-Wettbewerb Sans-Papiers

Stellen Sie sich vor: Sie möchten in die Ferien verreisen – eine Flugreise nach Schottland soll es sein, denn sie mögen Whiskey, Schafe und schlechtes Wetter. Sie buchen im Internet einen Flug, dazu benötigen Sie eine Passnummer und eine Kreditkarte. So ganz ohne Sackgeld will man ja dann auch nicht losziehen, also zotteln Sie Richtung Bank, wo Sie ihren Personalausweis und Ihre Bankkarte vorweisen müssen, damit Sie die das Geldinstitut mit schottischen Pfund in der Tasche wieder verlassen können. Ist der Reisetag endlich gekommen, fahren Sie mit dem Zug zum Flughafen und zeigen unterwegs dem Kontrolleur ihr Halbstagsabonnement. Am Flughafen selber gilt es bei der Sicherheitskontrolle wiederum Identitätsdokument und Boarding-Pass vorzuweisen, haben Sie keines davon, endet die Reise wohl eher im ungemütliche Büro der Flughafenpolizei und nicht in Schottland.

Mehr zum Kurzfilm-Wettbwerb zum Thema Sans-Papiers hier:
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Venedig geht vor die Hunde

veniceEinmal im Leben soll man sie gesehen haben, heisst es. La Serenissima – die Durchlauchtigste. Mythenumwoben ist sie, die insgesamt 118 Inseln fassende Hauptstadt der Region Venetien. Frau Feuz war jetzt also auch da, in diesem unsäglichen Venedig. «Unsäglich?!» ich höre ihn schon, den kollektive Aufschrei von Italien-, Kunst- und Architekturliebhabern. Ja, unsäglich. Unsäglichst! Nicht die Stadt selber, Gott bewahre. Das Stadtzentrum ist mit seinen engen, labyrinthischen, oftmals abrupt vor Wasser endenden Gassen, den schiefen Häusern, den reich verzierten Kirchen und Palästen, der von Romantik bis Barock reichenden Architektur und den Unmengen an Skulpturen ja durchaus bezaubernd. Aber die Touristenströme an rüden Asiaten, ungehobelten Amerikanern und Jetset-Bieannale-Kunstfuzzis sind es fürwahr nicht.

Warum Venedig vor die Hunde geht, Literatur-Tipps und mehr zur PROPORTIO-Ausstellung hier:
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Vier Fragen an Michael Oberer

Der Bwebbild_gold_tojoerner Regisseur Michael Oberer bringt in seiner Inszenierung «Gold» den gleichnamigen Text des westschweizer Autors Blaise Cendrars auf die Bühne, worin die Geschichte von Johan August Suter erzählt wird. Dieser war ein äusserst abenteuerlustiger Schweizer, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderte, dort erst zum Multimillionär, dann aber zum Opfer des Goldrausches wurde. Für die Umsetzung von «Gold» hat sich der 63-jährige Oberer die Musiker und Schauspieler Resli Burri, Andreas Debatin, Omar Fra, Julia Monte und Marcus Signer an Bord geholt. Gezeigt wird «Gold» am 1.-3.10. und 6.-10.10. im Tojo der Reitschule.

Hier geht’s zum Kurzinterview:
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Dismaland: un-fuck the system

Weston-super-Mare ist ein rund 70’000 Einwohner kleines Nest am Bristolkanal im Südwesten Englands, welches definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat. War das Seebad einst im viktorianischen Zeitalter, als Ferien am Meer in Mode kamen, noch Ziel von zahlreichen Besuchern aus dem nahen Bristol, Bath oder Südwales, hat das Städtchen im Laufe der letzten 100 Jahre kontinuierlich an Attraktivität verloren und wird heute aufgrund seiner schlammigen Strände spöttisch als Weston-super-Mud (Mud = Schlamm) bezeichnet. Der Grand Pier, welcher mit Jahrmarktbetrieb, einarmigen Banditen, Autoscootern und Geisterbahnen einst tausende von Amüsementwilligen anlockte, ragt heute einsam und verlassen in den Meeresarm hinaus. Weston-super-Mare ist zu einem Sinnbild geworden für die trostlose Dekadenz unserer Vergnügungsgesellschaft und damit auch die perfekte Umgebung für das Vorhaben eines Mannes, der mit seiner gesellschaftskritischen Kunst gerne genau diese Dekadenz an den Pranger stellt. IMG_6392 Vor sechs Wochen sorgte der anonyme britische Streetart-Künstler Banksy im verschlafenen Weston-Super-Mare für einen Paukenschlag sondergleichen, als er dort einen Vergnügunspark der etwas anderen Art eröffnete. In ironischer Anspielung an Disneyland hatte Banksy sein temporäres Kunstprojekt «Dismaland» getauft (dismal = trostlos) und entsprechend sollte dieser Rummelplatz eben nicht der seichten Zerstreuung dienen, sondern vielmehr als handfeste, albtraumhafte Unterhaltungs-Dysopie fungieren. Interesse und Nachfrage an Eintrittskarten waren dermassen gross, dass bei der Freigabe der letzten Tranche 3.5 Millionen Interessierte gleichzeitig versuchten, auf die Verkaufsseite zuzugreifen. Frau Feuz gehörte zu den Glücklichen, welche sich für die letzte Ausstellungs-Woche ein Ticket hatten ergattern können. Und so war’s in Dismaland:
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